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Depression und Sexualität

Ich recherchiere gerade zum Thema (chronische) Krankheit und Sexualität und bin dabei auch auf das Thema Depression gestoßen. Und das scheint gerade im Zusammenhang mit anderen (chronischen) Krankheiten ganz schön kompliziert zu sein: chronische Krankheiten können zu sexuellen Problemen führen und diese dann wieder zu Depressionen. Depression kann aber auch eine direkte Folge der chronischen Erkrankung und der sonstigen mit ihr einhergehenden Einschränkungen sein. Und schließlich kann Depression selbst zu sexuellen Funktionsstörungen führen. Oder die Medikamente, die gegen Depressionen eingesetzt werden.

Sexuelle Funktionsstörungen können zum Beispiel Erektionsstörungen sein oder Erregungsstörungen oder Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu kommen. Und genau so etwas erleben Menschen, die Depressionen haben und Medikamente dagegen nehmen, sogenannte SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahme- Hemmer) , wohl häufiger. Nun weiß man ja: auch die Depression selbst kann zu sexuellen Beeinträchtigungen führen. Was davon ist also auf die Depression und was auf ihre Behandlung zurückzuführen?

Ich habe einen Artikel gefunden, der sich genau mit dieser Frage beschäftigt hat und dafür eine Gruppe von Frauen mit Depressionen, die diese Medikamente genommen haben, mit einer Gruppe von Frauen verglichen hat, die ebenfalls Depressionen derselben Stärke hatten aber keine Medikamente dagegen genommen haben. Dabei stellte sich heraus, dass in beiden Gruppen verschiedene sexuelle Einschränkungen wie zum Beispiel Erregungsstörungen oder Lustlosigkeit gleich häufig vorkamen. Mit einer Ausnahme: Orgasmusstörungen, also Schwierigkeiten, in einer bestimmten Zeit oder überhaupt zum Orgasmus zu kommen, waren in der Medikamentengruppe deutlich häufiger. Diese Art der sexuellen Störung stellt also wohl tatsächlich eine häufige Nebenwirkung der Medikamente dar.

Eine Depression ist eine fiese Sache mit einem teilweise extremen Leidensdruck, so dass viele Menschen diese Nebenwirkung sicher gerne in Kauf nehmen, wenn ihnen durch Antidepressiva geholfen werden kann. Es gibt aber auch Menschen, die diese Nebenwirkungen als so einschränkend und zusätzlich belastend wahrnehmen, dass sie diese Medikamente lieber nicht weiter nehmen wollen. Gut wäre, sie könnten das dann gemeinsam mit ihrer Ärztin/ihrem Arzt besprechen und Wirkungen und Nebenwirkungen gemeinsam gegeneinander abwägen. Leider passiert genau das – und das ist ein zweiter häufiger Befund zum Thema Depression und Sexualität – aber oft nicht: weil Ärztinnen und Ärzte das Thema Sexualität selbst nicht ansprechen und weil Patientinnen und Patienten sich nicht trauen oder es irgendwie nicht passend finden, es von sich aus zu thematisieren.

Eine Studie dazu, die mich ziemlich beeindruckt hat, hat Patientinnen und Patienten einer psychiatrischen Klinik befragt, welche Rolle Sexualität und sexuelle Einschränkungen für sie spielen. Dabei zeigte sich, dass selbst für Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen Sexualität noch immer wichtig ist und sie sich wünschen würden, dass das medizinische Personal das stärker berücksichtigt beziehungsweise auch thematisiert. Ich glaube da liegt noch ein weiter Weg vor uns, bis auch im Gesundheitssystem angekommen ist, das Sexualität nicht nur ein “nettes Extra” für junge gesunde Menschen ist, sondern häufig ein zentraler Aspekt der Lebensqualität von Menschen allen Alters und unterschiedlichen Gesundheitszustandes.

Was sind Eure Erfahrungen? Habt Ihr mit Euren Ärztinnen und Ärzten irgendwann mal über sexuelle Themen gesprochen? Wenn ja, wer hat das Thema angesprochen? Und habt Ihr bereits Erfahrungen gemacht mit Depression, Medikamenten und sexuellen Problemen? Ich freue mich über Kommentare!

Weg mit den Schamlippen…

…und zwar aus dem Sprachgebrauch! Wie verschiedene Medien, wie Zeit, TAZ und Deutschlandfunk berichtet haben, fordern die Kulturwissenschaftlerin Mithu M.Sanyal, Autorin des wunderbaren Buches “Vulva – eine Kulturgeschichte“, und die Journalistin Gunda Windmüller in einer Petition im Duden das Wort “Schamlippen” durch das Wort “Vulvalippen” zu ersetzen oder zumindest zu ergänzen. Schließlich gebe es nichts zu schämen “da unten”.

Die Dudenredaktion wird dieser Forderung höchstwahrscheinlich so schnell nicht nachkommen, verfolgt der Duden doch das Ziel, den aktuellen Sprachgebrauch abzubilden und nicht etwa sprachbildend zu wirken (auch wenn sicher anerkannt wird, dass nicht nur Wirklichkeit Sprache formt, sondern Sprache auch Wirklichkeit). Wahrscheinlich aber geht es den Initiatorinnen der Petition gar nicht in erster Linie um den Duden, sondern darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Worte wir da im Alltag verwenden, und was gute Alternativen sein könnten. Entsprechend fordern sie in ihrer Petition die Unterzeichnenden und Leserinnen und Leser dazu auf, das Wort Vulvalippen selbst häufig zu verwenden (auch zum Beispiel in sozialen Medien) und Ärztinnen, Pädagogen, Therapeutinnen zu bitten, es ebenfalls zu tun.

Ich finde es sehr sinnvoll, sich zu überlegen, warum Geschlechtsorgane – und hier vor allem die weiblichen –  (oder habt Ihr schonmal was von “Schameiern” oder dem “Schamschaft” gehört?) – in unserer Sprache mit Scham und schämen assoziiert sind, glaube aber ehrlich gesagt nicht wirklich, dass wir uns bei jeder Verwendung des Wortes Schamlippe wieder daran erinnern, dass wir uns da wohl zu schämen haben. Allerdings fände ich es aus einem anderen Grund ziemlich gut, wenn sich das Wort Vulvalippe im deutschen Sprachgebrauch einbürgerte: weil damit vielleicht endlich auch das Wort Vulva mehr Verbreitung fände. Hier habe ich darüber geschrieben, wie seltsam ich es finde, dass wir die sichtbaren weiblichen Geschlechtsorgane – eben die Vulva – mit einem Begriff – Vagina – beschrieben, der eigentlich den unsichtbaren Teil, die Hohlform, bezeichnet, so als sollte da bei der Frau lieber nichts sichtbar sein. Wenn wir Vulva zu sagen begännen, wenn wir die Vulva meinen und nicht Vagina, dann – glaube ich – würde sich damit durchaus etwas ändern in unsere Vorstellung über die Wirklichkeit “da unten” und damit so langsam auch die Wirklichkeit selbst.

Deshalb: Her mit den Vulvalippen!

 

Robert hat spannende Fragen gestellt

Robert, ein österreichischer Blogger der ersten Stunde, den ich noch aus anderen beruflichen Kontexten kenne, hat ein spannendes Interview mit mir geführt. Das ist schon gut, wenn man sich nicht immer nur selbst was fragt sondern auch mal jemand anderes. Auf mache der Fragen wäre ich selbst nie gekommen. Danke Robert! Einen Ausschnitt aus dem Interview nun hier, den Rest findet Ihr auf Roberts Blog.

Was sind für dich die interessantesten Erkenntnisse, die uns die Sexualforschung bietet?
Oh da gibt es vieles – und ich bin ja noch ganz am Anfang meiner Recherchen. Zuletzt beeindruckt hat mich etwa ein Artikel darüber, wie Frauen mit Gebärmutterkrebs und daraus resultierenden sexuellen Schwierigkeiten durch Achtsamkeitsübungen geholfen werden kann, wieder Erregung wahrzunehmen und dadurch auch wieder ein erfülltes Sexualleben zu haben (hier ein Interview dazu). Oder eine Studie über die sexuellen Phantasien der Amerikaner*innen, in der sich gezeigt hat, dass Republikaner*innen besonders häufig von Gruppensex und vom Fremdgehen träumen, während bei Demokrat*innen BDSM-Phantasien besonders verbreitet sind. Tabuisierte Dinge und Dinge, die wir nicht haben können, scheinen sexuell also besonders interessant zu sein.
Sehr wichtig finde ich auch Erkenntnisse, die helfen, bestimmte Neigungen und Verhaltensweisen zu enttabuisieren und vor allem zu entpathologisieren (=klarzustellen, dass es sich dabei nicht um krankhaftes Verhalten handelt). So hat sich in den letzten Jahren zum Beispiel herausgestellt, dass Pornographienutzung ziemlich sicher nicht zu Erektionsschwierigkeiten führt, dass Menschen, die BDSM mögen, nicht „gestörter“ sind als andere, und dass Pornodarstellerinnen nicht häufiger als andere Frauen in ihrer Kindheit sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren.

Sexualität ist mit vielen Emotionen versehen. Wie schafft man es den sachlichen Abstand zu halten um objektiv forschen zu können?

Ja stimmt, Sexualität hat viel mit Gefühlen zu tun, vor allem auch mit moralischen Gefühlen. Und natürlich haben Sexualforscher*innen selbst auch Gefühle und moralische Einstellungen den Themen gegenüber, das sie erforschen (ich würde denken, sie sind da etwas liberaler eingestellt, als andere Menschen, aber es gibt da auch andere Beispiele). Damit kann man (wie generell in den Sozialwissenschaften, wo ja auch sonst oft emotional aufgeladenen Themen untersucht werden) unterschiedlich umgehen. Zum einen kann man versuchen, durch möglichst objektive Instrumente und Befragungsformen (z.B. online- Fragebögen mit standardisierten Fragen) sicherzustellen, dass die Versuchspersonen möglichst wenig von den individuellen Werten und Annahmen der Forschenden beeinflusst werden. Das System der Peer-Reviews bei wissenschaftlichen Journals trägt zusätzlich dazu bei, dass möglichst nur Studienergebnisse veröffentlicht werden, die nachvollziehbar sind und mit möglichst objektiven Methoden erzielt wurden.

Die zweite, eher in qualitativen Forschungstraditionen beheimatete Strategie besteht darin, die eigenen Grundannahmen, Erfahrungen und auch moralischen Einstellungen bezüglich des Themas explizit zu machen, damit Leser*innen selbst entscheiden können, wie sie die beschriebenen Ergebnisse bewerten wollen.[ …] Ein wichtiges Merkmal wissenschaftlicher Integrität ist, dass man sich auch mit Ergebnisse auseinandersetzt, die einem selbst nicht in den Kram passen. Da kann man sich nur immer wieder selbst und gegenseitig erinnern.

Beobachtung verändert das beobachtete Objekt/Subjekt heißt es in anderen Wissenschaften? Ist das nicht gerade in der Sexualforschung ein Problem?

Wie oben schon erwähnt, wird in der Sexualforschung kaum noch beobachtet. Also zumindest nicht direkt wie Menschen miteinander Sex haben. Aber auch Fragebogenstudien oder Interviews können einen Einfluss auf die Menschen haben, die an der Studie teilnehmen, da unterscheiden sich die Sexualwissenschaften nicht von anderen Sozialwissenschaften. Zu einem Problem für die Forschung selbst wird es dann, wenn Menschen mehrfach befragt werden. So konnten bei einer Studie zum Thema „selbst diagnostizierte Pornosucht“ 40% der Befragten nicht für die Folgebefragung herangezogen werden, weil sie angegeben haben, inzwischen keine Pornos mehr zu schauen. Das könnte durchaus ein Effekt der ersten Befragung sein und man mag sich fragen, was sie sonst noch alles bei den Probanden geändert hat, was nun die Ergebnisse der zweiten Befragungswelle verfälschen könnte.

Wenn Beobachtung das beobachtete Subjekt verändert, dann kann das aber auch ein ethisches Problem sein. So kann man sich zum Beispiel fragen, ob es ethisch vertretbar ist, Jugendliche nach ihrem Pornokonsum zu fragen, oder ob man sie dadurch erst auf „blöde Ideen“ bringt. Eine ganz aktuelle Studie aus Kroatien hat aber erst vor kurzem gezeigt, dass Jugendliche, die nach ihrem Pornokonsum gefragt werden, anschließend nicht häufiger Pornos schauen.

Soweit mal an dieser Stelle. Das vollständige Interview könnt Ihr hier nachlesen.

Ist Porno-Konsum schädlich?

Ich habe für das Magazin Gschichterldruckerei einen Text über Pornographie geschrieben, als Antwort auf den dort erschienen Text „Onlinepornographie – Jugenddroge des 21. Jahrhunderts“. Diesen Text (für die ich natürlich bereits Kritik eingesteckt habe weil nicht feministisch), könnt ihr hier in voller Länge nachlesen. Dieser Blogbeitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Version des Artikels.

Durch die leichte Zugänglichkeit von Onlinepornografie kommen Jugendliche so früh wie wahrscheinlich nie zuvor mit Pornografie in Kontakt. Das kann einem schonmal Sorgen machen. Doch nicht jede Sorge ist in dem Ausmaß, in dem sie vorgetragen wird, gerechtfertigt. Ich werde mir im folgenden die Punkte anschauen, die der Autor des Artikels „Onlinepornographie – Jugenddroge des 21. Jahrhunderts“ formuliert hat.

1 Pornografiekonsum führt zu falschen, schädlichen Körperbildern – das ist nicht belegt und nur teilweise plausibel.
Hierzu gibt es keine eindeutigen Studien, da zu Pornokonsum keine Experimente durchgeführt werden können, schon gar nicht mit Jugendlichen. Meine persönliche Einschätzung (nicht durch Studien gestützt) wäre, dass, was das allgemeine Körperbild angeht, andere Medien wie zum Beispiel Instagram, Youtube, Werbung etc. den deutlich größeren Einfluss haben. Anders sieht es wahrscheinlich aus bei der Form der Genitalien und in Bezug auf Intimbehaarung. Fraglich ist hier, inwiefern Pornographie hier ursächlich wirksam ist und inwiefern sie lediglich gesellschaftliche Ideale reproduziert. In Bezug auf die Intimbehaarung gibt es die These (leider weiß ich nicht mehr, wo ich das zuerst gelesen habe), dass die Darstellerinnen in Pornos zunächst einfach deswegen rasiert waren, damit kein Haar den Blick verstellt, und dass sich das rasierte Geschlecht daraufhin allgemein zum Schönheitsideal entwickelt hat. Was die Form der weiblichen Geschlechtsorgane angeht sehe ich keinen „filmischen“ Grund, warum hier die Pornographie idealbildend gewirkt haben sollte. Eher greift sie gesellschaftliche Ideale aus und ja, verstärkt sie dadurch wahrscheinlich auch.

2 Pornographie ist frauenverachtend – in geringerem Ausmaß als oft angenommen
Zunächst vorneweg: nicht jede Darstellung in der Frauen (vermeintlich) etwas tun, was Männer wollen oder (vermeintlich) zu etwas gezwungen werden muss als frauenverachtend gedeutet werden. Bzw. natürlich kann man das so sehen. Man kann Pornographie aber auch als einen Spiegel sexueller Phantasien sehen und hier kann man festhalten, dass Phantasien die mit Zwang, Unterwerfung und vermeintlicher Gewalt zu tun haben zu den häufigsten überhaupt zählen, auch und gerade bei Frauen. Es ist also davon auszugehen, dass auch Frauen durchaus mit Lust Pornographie nutzen, in der Frauen von Männern dominiert werden.
Zum anderen sind solche Darstellungen aber längst nicht so häufig und allgegenwärtig, wie manche glauben. Und vor allem: entgegen der weitverbreiteten Annahme, dass Pornos in den letzten Jahren immer brutaler und frauenverachtender geworden seien, ist tatsächlich das Gegenteil der Fall. So hat ein Forscher*innenteam der McGill University herausgefunden, dass sich der Anteil von aggressiver non-konsensueller Pornografie unter den beliebtesten Filmen einer großen Pornoplattform zwischen 2008 und 2016 deutlich reduziert hat – von 13 % auf weniger als 3% (hier ein sehr guter Artikel über diese Studie). Videos, in denen Frauen deutlich Lust zeigten, gehören hingegen zu den beliebtesten. Dazu passen die Ergebnisse einer Studie, die zeigt, dass das Körperteil das Männer am längsten betrachten wenn sie Pornos schauen nicht etwa der Po oder der Busen einer Frau sind, sondern ihr Gesicht.

3 Pornoportale verfolgen unternehmerische Interessen – natürlich, aber das ist nicht per se problematisch.
Ja natürlich verfolgen Pornoportale unternehmerische Interessen – genauso wie Amazon, Etsy und Facebook, aber auch der Biosupermarkt um die Ecke, das Schuhgeschäft, der Fahrradladen. Das wäre erst dann wirklich problematisch, wenn sie das mit unlauteren Mitteln täten oder versuchten, auf Gesetzgebung und Forschung in diesem Bereich Einfluss zu nehmen. Eine solche Behauptung müsste aber erst einmal belegt werden.
Unternehmerische Interessen verfolgt übrigens auch die andere Seite: Therapeutinnen und Therapeuten, die mit „Entzugs“-therapien Geld verdienen, die vor allem in den USA boomenden Entzugskliniken und Entzugs(online)programme für vermeintlich Sex- oder Pornosüchtige und Vertreter von NoFap-Bewegungen, die mit ihren Vorträgen und Büchern ebenfalls gutes Geld verdienen. Vor kurzem musste erst eine wissenschaftlcihe Zeitschrift ein Korrekturverfahren einleiten, weil ein bekannter Vertreter der NoFap-Bewegung in einem umstrittenen Paper seine eigenen kommerziellen Interessen nicht kenntlich gemacht hatte. Überrascht hat mich bei meinen Recherchen zum Thema „Pornosucht“ übrigens, wie schnell ich da bei ultrareligiösen Gruppierungen und Personen lande, die gerne auch gleich mal Homosexualität und Masturbation wegtherapieren wollen. So wird in Zeitungsartikeln zum Beispiel beim Punkt Behandlungsmöglichkeiten auf das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft verwiesen – klingt harmlos, ist aber eine Organisation die sich unter anderem für “Forschungs- und Behandlungsfreiheit bei der Homosexualität” einsetzt, was konkret heißt, dass sie sog. Konversionstherapien durchführen, die aufgrund ihrer Schädlichkeit aus gutem Grund in vielen amerikanischen Bundesstaaten verboten sind – von den homophob diskriminierenden Implikationen ganz zu schweigen.

4 Die Pornoindustrie drängt unerfahrene Mädchen in Darstellerinnenjobs und fördert damit den Menschenhandel – das mag es geben, ist aber nicht die Regel.
Hierzu ist die Datenlage für mich noch unklar. Wenn es allerdings wirklich so wäre, dass Menschen diesen Beruf nicht aus freien Stücken wählen, dann müssten sie ziemlich unglücklich sein. Dann wäre auch der Anteil der Personen mit psychischen Störungen in dieser Personengruppe deutlich höher. Und dann wäre zu erwarten, dass unter ihnen deutlich mehr Personen mit Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sind (denn irgendwoher müsste ihre Bereitschaft ja kommen, diesen Job auszuüben). All dies ist jedoch nicht der Fall, wie eine Studie des amerikanischen Psychologen James D. Griffith zeigt.
Womit Darstellerinnen und Darsteller allerdings tatsächlich zu kämpfen haben, ist das Stigma, das mit ihrem Job nach wie vor verbunden ist, mit der Tatsache, dass ihnen unterstellt wird, sie könnten diesen Beruf nicht aus freien Stücken gewählt haben und es könnte dementsprechend etwas nicht mit ihnen stimmen.

5 Pornographie macht süchtig – nein, hierfür gibt es keine ausreichenden Belege
Hier kommen wir zur zentralen Behauptung des Artikels. Denn ja, wenn Pornographie ein ähnliches Suchtpotential hätte wie Heroin oder auch nur Nikotin, dann müssten Jugendliche tatsächlich davor geschützt werden. Tatsächlich ist „Pornosucht“ allerdings keine anerkannte psychische Störung wie etwa Alkoholsucht oder auch Spielsucht. Obwohl es einige Versuche verschiedener Interessensgruppen gab, sie dort zu verankern, findet sich Pornosucht in keinem der beiden großen Diagnosesysteme ICD und DSM. Zwar wurde in die neuste Auflage des ICD, ins ICD 11, eine Störung namens Compulsive Sexual Behavior Disorder aufgenomen, aber weder geht es hierbei speziell um Pornographie, noch bedeutet das, dass es sich um eine Sucht handelt, dass also Sex im allgemeinen oder Pornokonsum im besonderen als süchtig machend angesehen werden. Das gibt die Forschungslage nicht her. Wenn Pornographie süchtig machen würde, müssten Konsument*innen immer mehr und/oder immer extremere Inhalte konsumieren. Das ist jedoch nicht der Fall. Und wenn sich Menschen selbst für pornosüchtig halten, dann hat das mehr mit ihrer moralischen Einstellung gegenüber Pornographie zu tun als mit ihrem tatsächlichen Konsum (hier habe ich schon darüber geschrieben).
Auch die häufig erwähnte Studie der Neuropsychiaterin Valerie Voon in der gezeigt wurde, dass Pornographie bei intensiven Konsumenten dieselben Gehirnregionen aktiviert wie Heroin bei Heroinsüchtigen, ist kein ausreichender Beleg. Das ist lediglich ein Hinweis auf „spezifisch“ ausgebildete Belohnungszentren. Ich würde mal vermuten, dass meines besonders intensiv auf Schwarzwälder Kirschtorte reagiert. Trotzdem wird (hoffentlich) niemand auf die Idee kommen, mich deswegen für psychisch krank zu halten oder überhaupt Kirschtorten zu verbieten.

6 Pornosucht führt zu „statistisch bewiesener Zunahme an Vergewaltigungen, ehelich-häuslicher Gewalt, Trennungen und Job-Verlusten“ – nein, das ist so nicht richtig.
Zunächst einmal: eine „statistisch bewiesene“ Zunahme von Vergewaltigung, ehelicher Gewalt etc. gibt es nicht. Über längere Zeiträume betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, sogar gesunken. Wenn die Zahl bestimmter Delikte wie zum Beispiel von Vergewaltigungen oder sexuellen Belästigungen zwischendurch (sprunghaft) ansteigt, ist das häufig darauf zurückzuführen, dass sich die Gesetzgebung geändert hat. So ist beispielsweise in Deutschland Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 überhaupt strafbar.
Doch selbst wenn sich eine Zunahme beobachten ließe, hätte diese ziemlich sicher nichts mit einem vermehrten Pornografie-Konsum zur. So konnte Neil Malamuth in einem breit angelegten Review verschiedener Studien zeigen, dass der Konsum non-konsensueller Pornografie nur bei einer sehr kleinen Personengruppe das Risiko aggressiven Verhaltens erhöht: bei Männern, die aus anderen Gründen schon eine erhöhte Aggressionsneigung haben. Dies gilt überdies nur für Pornografie, in der nicht einvernehmlicher aggressiver Sex gezeigt wird und Kinderpornographie (die ja auch nicht einvernehmlich ist), die wie wir oben gesehen haben, sowieso nur von wenigen Menschen konsumiert wird. Nicht einmal auf die sexuelle Zufriedenheit scheint Pornografie-Konsum in der Regel negative Auswirkungen zu haben – nur bei streng religiösen Männern ist regelmäßiger Pornokonsum mit einer verminderten sexuellen Zufriedenheit assoziiert (hier ein guter Blogartikel dazu).

Ach und übrigens: Pornografie-Konsum führt nicht zu Impotenz, da sind sich Wissenschaftler*innen inzwischen einig.Generell denke ich, dass es nicht nötig (und wahrscheinlich auch gar nicht möglich) ist, Jugendliche von Pornografie fernzuhalten, dass aber eine gute Sexualaufklärung wichtig wäre, die ein alternative oder zumindest breitere Bilder von Sexualität und Körpern vermittelt.

Tantra, Sexualwissenschaft und weiße Flecken

Es gibt keine weißen Flecken: Wenn Du zu einem Thema keine wissenschaftliche Literatur findest, dann hast Du nur nicht gut genug gesucht! Angesichts meiner mageren Erfolge bei einer Literaturrecherche zu(r) Tantra Szene(n), beginne ich diesen Lehrsatz anzuzweifeln (ich würde mich aber gerne eines besseren belehren lassen). Während zu sado-masochistischen Neigungen und zur BDSM-Szene Artikel ohne Ende erschienen sind und auch die Swinger eine “gut untersuchte Spezies” zu sein scheinen, hat mich meine Literaturrecherche zum Thema Tantra-Szene ziemlich ratlos zurückgelassen. Wie wieviele Leute machen Tantra? Wer sind diese Leute? Was suchen die dort? Was finden sie? Welche positiven Effekte haben Tantra-Praktiken? Welche negativen vielleicht auch? Und vor allem: was machen sie da eigentlich in diesen Tantra-Kursen, -Seminaren, -Retreats? Ich möchte da eigentlich nicht hingehen müssen, um meinen Studierenden einen Einblick geben zu können, ich hätte gerne seriöse wissenschaftliche Literatur gefunden, die mir diese Fragen beantwortet und eine eigene (womöglich teilnehmende….uaaahhhh….) Recherche erspart.

Was ich gefunden habe: eine Reihe von religionswissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit sehr speziellen Aspekten des Tantra in diversen heiligen Schriften aus längst vergangenen Zeiten befassen. Sicher ziemlich spannend, wenn man Zeit hat, sich da einzulesen und reinzugraben, aber überhaupt nicht das, was ich gesucht hatte. Dann eine Mininotiz von einer wissenschaftlichen Konferenz, wo eine Wissenschaftlerin die Potentiale von Tantra für die Sexualtherapie andeutet. Und schließlich zwei Bücher: “Magia Sexualis : Sex, Magic, and Liberation in Modern Western Esotericism” und ” Tantra: Sex, Secrecy, Politics, and Power in the Study of Religion “, beide von Hugh B. Urban, einem Religionswissenschaftler und Tantriker, bei dem auch der religionswissenschaftliche Aspekt im Vordergrund steht, der sich aber auch dafür interessiert, wie diese Kulte (ist das das richtige Wort?) und Praktiken in der westlichen Welt gelebt werden und wie sich Ost und West gegenseitig (!) beeinflusst haben.

Diese beiden Bücher werde ich mir mal noch genauer ansehen (und sie ggf. hier vorstellen), aber ich fürchte, auch das ist nicht das, was ich gesucht habe. Und das ist dann schon wieder spannend. Warum interessiert sich die sozialwissenschaftliche (oder auch psychologische) Sexualforschung nicht für die Tantra-Szene und entsprechende Praktiken? Weil sie im Gegensatz zu BDSM “harmlos” sind? Nicht in Verdacht stehen, Ausdruck “pathologischer” Neigungen zu sein? Weil Tantra ein Vergnügen der weißen Mittelklasse ist/zu sein scheint, das klassische Geschlechterverhältnisse und Beziehungsformen nicht grundsätzlich in Frage stellt?  Oder weil der “Zugang zum Feld” nicht so einfach ist und andere Sozialwissenschaftler*innen genauso wie ich davor zurückschrecken, sich in entsprechende Szenen zu begeben?

Ich vermute, dass Tantra für die Sexualwissenschaften nicht interessant ist, weil es kein Problem ist. Wenn Menschen sich möglicherweise gesundheitlichen Schaden zufügen, wenn sie Krankheiten übertragen, wenn sie angesichts ihrer Neigungen als krank und/oder gefährlich angesehen werden, dann ist das ein Problem. Und dann besteht eine Chance auf ein gesellschaftliches oder politisches Interesse an dieser Forschung und vielleicht auch auf Forschungsgelder. Wenn etwas kein Problem ist (oder zu sein scheint, mir erscheinen durchaus Aspekte an tantrischen Praktiken potentiell problematisch, wie zum Beispiel essentialistische Geschlechterrollen oder auch fragwürdige Konsenspraktiken bei manchen Vertreter*inne/Anbieter*innen) dann wird darüber nicht geforscht, selbst dann nicht, wenn es möglicherweise eine positive Ressource für Menschen darstellen könnte, eine Quelle sexueller und damit allgemeiner Gesundheit.

Und das gilt leider für die Sexualwissenschaft insgesamt. Wo man hinschaut: Probleme, Probleme, Probleme! Menschen die zu viel Pornos schauen, Pädophile, Jugendliche, die keine Kondome verwenden, SMler die bei riskanten Fesselpraktiken ums Leben kommen, sexuell übertragbare Krankheiten, riskante Sexualpraktiken…Wer sich ein wenig mit Sexualforschung beschäftigt, kann schnell mal den Eindruck bekommen, Sexualität sei eine durch und durch dunkle, riskante, gefährliche und böse Sache, die wir vielleicht dann doch lieber ganz bleiben lassen sollten. Und das ist sehr, sehr schade. Deswegen: liebe Sozialwissenschaftler*innen, beschäftigt Euch mit Sexualität auch dort, wo sie nicht weh tut, wo sie als positiv erlebt wird, wo niemand leidet! Besucht die sexpositiven Partys, die glücklichen Paare und auch die Tantra-Schulen. Dann muss ich das nicht machen.

Nachtrag: Ich weiß, dass sich die Sexualwissenschaft nicht im luftleeren Raum bewegt und auf Forschungsgelder angewiesen ist, sowie auf ein offenes, forschungsfreundliches und wahrscheinlich auch sexpositives gesellschaftliches Klima und dass sich deswegen durch Appelle allein gar nichts ändern wird. Wünsche wird man trotzdem haben dürfen.

Sex im Sachcomic III: Queer – eine illustrierte Geschichte

Was ist eigentlich dieses “queer”? Einfach ein anderes Wort für lesbisch, schwul, bisexuell (trans, inter). Oder umfasst es noch mehr? Ist es vielleicht auch eine Bezeichnung für Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen (gender-queer)? Oder geht es hier um Theorien, die uns irgendwie dazu bringen können, anders über Sexualität, sexuelle Orientierung und Geschlecht zu denken? (Spoiler: es ist irgendwie alles) Ich hab mich da lange nicht ausgekannt und ich dachte ehrlich gesagt auch, dass es schwierig sein müsste, sich da einigermaßen auszukennen und man ziemlich viele ziemliche schwierige Bücher lesen müsste, um einen Überblick zu bekommen.

Dann bin ich zufällig in meiner Buchhandlung über “Queer- eine illustrierte Geschichte” von Meg-John  Barker und Julia Scheele gestolpert und bin auf der U-Bahn-Fahrt zurück so darin versunken, dass ich meine Ausstiegshaltestelle verpasst habe. Dabei handelt es sich dabei gar nicht um eine Geschichte, eine Graphic Novel; sondern um ein Sachbuch. Um ein Sachbuch mit Bildern, und zwar mit Bildern, die so illustrativ sind, dass sie immer wieder vor meinem inneren Auge auftauchen, wenn ich mich an ein bestimmtes Thema, eine bestimmte Theoretiker*in oder einen bestimmten Aspekt von Queerness, queeren, Queer-Forschung oder  Queer- Theorie erinnere.

Auf jeder Seite (manchmal auch Doppelseite) wird ein Thema behandelt: mit einem Text und ein bis zwei Zeichnungen, die meist Sprechblasen enthalten, die die zentralen Aussagen einzelner Protagonist*innen und Theoretiker*innen zusammenfassen. Da geht es um die Geschichte der Sexualwissenschaften und welche Türen (Denkräume) da jeweils geöffnet und geschlossen wurden, um Geschichte und Protagonist*innen von Queer-Theorie, um die Kritik an festen Identitätskonzepten, um Körper, Macht, Film und Camp, um kritische Sexologie, Rassismus, Klassismus, Bisexualität und Kink.

Um Sexualität geht es dabei nicht immer, aber wenn dann mit einem deutlich weiteren Fokus, als ich gedacht hätte. Inwiefern ist beispielsweise Kink (BDSM) queer? Und was heißt es, Sexualität von den Rändern her zu denken? Kategorien von normal und abnormal (Krank, gestört, ungewöhnlich…) aufzugeben? Kategorien und Identitäten generell zu hinterfragen? Welche Türen öffnet das und wer könnte sich dadurch potentiell bedroht fühlen? Indem das Buch diese Themen anreißt, vermittelt es gleichzeitig das Rüstzeug, zu verstehen, worum es bei modernen Debatten um Gender, Homosexualität, Identitätspolitik  und Feminismus geht. Ohne, dass man eine ganze Bücherei gelesen haben muss – aber vielleicht mit dem neu erwachten Wunsch, die eigene selbige um ein paar Klassiker der Queer-Theorie zu ergänzen.

Queer- eine illustrierte Geschichte ist im Unrast-Verlag (der mir freundlicherweise eine Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat) erschienen und kostet circa 17 Euro.

Können wir nicht über “da unten” reden weil wir von “da unten” reden?

Ich habe meinen ersten Sexworkshop gehalten. Na ja, nicht ganz: einen Workshop übers Reden über Sex. Warum es so schwierig ist. Warum es vielleicht trotzdem gut wäre. Und wie wir es tun können, wenn wir es tun wollen. Zu letzterem sind wir dann nicht mehr wirklich gekommen. Aber der Reihe nach.

Der Workshop fand an einem wunderschönen Ort statt, bei einem ganz großartigen kleinen Festival, das Freunde von mir organisiert haben, mit lauter großartige Menschen, von denen sich viele tatsächlich für das Thema (keine Überraschung) und für meinen Workshop (schon eine Überraschung) interessiert haben. Da nicht alle die ganze Zeit Zeit hatten, habe ich den Workshop in zwei Teile geteilt: im ersten Teil haben wir über darüber gesprochen, mit welchem Vokabular wir über Sex sprechen, im zweiten darüber, warum es uns so schwer fällt und welche (gute )Gründe es da geben kann, es nicht zu tun.  Interessant fand ich da den Punkt, dass Sex einen sehr körperlichen und damit nicht-verbalen Zauber haben kann, der dadurch zerstört werden könnte, dass man darüber spricht – vor allem (aber nicht nur) währenddessen. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen würde und ich weiß auch nicht, ob es Forschungsergebnisse dazu gibt  (“Zauber” lässt sich generell schwer erforschen) aber fast noch interessanter fand ich eine Beobachtung aus dem ersten Teil: Wir tun uns offenbar relativ leicht tun, die männlichen Sexualorgane zu benennen, während wir uns mit den verschiedenen Bezeichnungen für die weiblichen Geschlechtsorganen nicht wirklich wohlfühlen.

Während die WorkshopteilnehmerInnen Penis (oder manchmal auch Schwanz) zumindest einigermaßen OK fanden , gab es bezüglich der weiblichen Geschlechtsorgane sehr viel mehr Begriffe (wie zum Beispiel Muschi, Möse oder Fut), die als unschön und sogar als abwertend (!) empfunden wurden. Unser Versuch, einen abwertenden Begriff für den Penis zu finden, war dagegen ziemlich erfolglos. Ziemlich häufig genannt wurden Scheide oder Vagina, wobei vor allem letzteres teilweise als zu medizinisch angesehen wurde. Und noch etwas anderes fällt hier auf: Scheide und Vagina bezeichnen eigentlich nur den innenliegenden Teil der weiblichen Geschlechtsorgane, den Muskelschlauch. Der äußere Teil (Klitoris, Scheideneingang und Schamlippen – auch so ein blödes Wort: was gibt es hier zu schämen?) heißen Vulva. Vagina wird im allgemeinen Sprachgebrauch – so auch im Workshop – manchmal auch für alles verwendet, was an sich kein Problem ist: Sprache ist lebendig und wandelt sich im Gebrauch. Allerdings ist es auch irgendwie sehr bezeichnend: wir meinen alles, verwenden dafür aber den Begriff, der ursprünglich nur den unsichtbaren Teil bezeichnet hat. Damit sagen wir doch im Grunde: das eigentlich Wichtige an den weiblichen Geschlechtsorgane ist die Hohlform, das wo ein Penis hineinpasst, nicht etwa die Teile, die man sehen kann und die Lust machen. Kein Wunder dass das alles so schwierig ist mit dem Reden!

Meine These wäre nun: um wirklich über Sex reden zu können,  müssen wir Begriffe finden (zu Not auch erfinden), die uns gefallen. Oder wir nehmen erstmal die, die wir haben, und die uns am wenigsten missfallen. Und diese verwenden wir dann so lange so häufig und zu allen möglichen Gelegenheiten (im Gespräch mit unseren Freundinnen, mit unseren Kindern, mit unseren Kolleginnen, beim Arzt,  beim Reden über Sex oder über Fahrradsättel) bis sie uns kein bisschen komisch , “schmutzig”, seltsam oder peinlich mehr vorkommen, sondern das sind , was sie sein sollten: ganz normale Bezeichnung für ein ganz normales Körperteil. Dann fällt es uns vielleicht  leichter, bei, vor oder nach dem Sex darüber das zu sagen, was wir sagen wollen.

Ich danke allen Teilnehmer*innen der Workshops! Ihr wart großartig und ich habe sehr viel gelernt von Euch!

Sex im Sachcomic II: Der Ursprung der Liebe

Wie “Der Ursprung der Welt” Pflichtlektüre für alle Vulvabesitzer*innen und -liebhaber*innen ist (hier vorgestellt) , so ist “Der Ursprung der Liebe” der schwedischen Zeichnerin Liv Strömquist Pflichtlektüre für alle, die sich mit alternativen Beziehungsformen und verschiedenen Formen, Liebe zu leben, beschäftigen. Wir lernen hier, warum Frauen traditionell diejenigen sind, die sich um Gefühle kümmern, während Männer ihre Unabhängigkeit pflegen (können), dass Liebesheiraten eine Erfindung des 19. Jahrhunderts sind (1790 hingegen: “Wir haben nicht aus Liebe geheiratet” “Na und? Ruf einen an den das interessiert” “Wie denn? das Telefon ist noch nicht erfunden? “), was Monogamie und die gesellschaftliche Verurteilung der Geliebten mit Besitzverhältnissen zu tun haben und warum wir der Liebe in unserer Gesellschaft generell einen so großen Stellenwert einräumen. Weil sich Strömquist als Schwedin auch mit nordischen Mythen beschäftigt hat, weiß sie, dass Frigg, Odins Frau, mehrere Männer hatte, also Polyandrie lebte, und Freya Sex mit mehreren Zwergen hatte, was von den nationalromantischen Dichtern wohlweislich verschwiegen wurde.

Besonders eindrücklich auch die Darstellung unserer seriell monogamen Vorstellungen, die sich darin ausdrücken, dass wir Personen lieben (sollen), so lange wir mit ihnen zusammen sind, und dann plötzlich von einem Tag auf den anderen damit aufhören, um jemand anderen zu lieben.

 

Während ich den Titel “Der Ursprung der Welt” richtig super finde, gefällt mir “Der Urspung der Liebe” nicht ganz so gut. Denn eigentlich geht es nicht um ihren Ursprung, sondern darum, was sie für uns bedeutet. Viel besser passt da meiner Meinung nach der schwedische Titel: Prins Charles Känsla, übersetzt: Das Gefühl von Prinz Charles. Der bezieht sich, wie Liv Strömquist in einem Interview für die Missy berichtet, nämlich auf ein Interview mit ihm, in dem er auf die Frage, ob er Lady Diana liebe, antwortete: “Yes – whatever love means.”  Und damit fängt er ziemlich gut ein, worum es in diesem Buch geht.

Aber auch inhaltlich bin ich von diesem Band nicht ganz so restlos begeistert, wie von “Der Ursprung der Welt”. Das hängt aber vielleicht auch mit meinem disziplinären Hintergrund in der Psychologie zusammen. Aus irgendeinem Grund bin ich bei psychologischen Erklärungen für soziale Phänomene, denen hier durchaus Bedeutung eingeräumt wird,  immer besonders skeptisch, und ganz schlimm wird es für mich dann, wenn psychoanalytischen Erklärungen dazu kommen. Die erwecken oft den Anschein, als könnte etwas nur so und nicht anders sein, dabei geht es doch gerade darum, vermeintliche Universalien zu hinterfragen.  Trotzdem: ein sehr lesenswertes Buch – kritisch bewerten können wir ja schließlich alle selbst.

“Der Ursprung der Liebe” ist im Avant-Verlag erschienen und kostet circa 20 Euro.

Sex im Sachcomic I: Der Ursprung der Welt

Comics anzuschauen, um sich ernsthaft mit Themen wie Liebe, Sexualität, Geschlecht auseinanderzusetzen: ehrlich gesagt, da wäre ich erstmal nicht drauf gekommen. Nun hatte meine Lieblingsbuchhandlung (keine Werbung- ich bekomme nichts dafür) gleich drei wunderbare einschlägige Comics vorrätig, die ich in den folgenden Tagen vorstellen will:  “Der Ursprung der Welt”  und “Der Ursprung der Liebe” (beide von Liv Strömquist) sowie “Queer – eine illustrierte von Geschichte” von Meg-John Barker und Julia Scheele.

Anfangen möchte ich mit “Der Ursprung der Welt”  der schwedischen Comiczeichnerin, Feministin und studierten Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist. “Der Ursprung der Welt” ist der Titel eines ziemlich expliziten Bildes von Gustave Courbet, das die behaarte Vulva einer mit geöffneten Schenkeln vor der Betrachterin/dem Betrachter liegenden Frau zeigt. Auf dem Titelbild von Liv Strömquists Ursprung der Welt sehen wir eine bekleidete Frau, die aber ebenfalls die Beine öffnet und mit ihren Händen vor ihrem Geschlecht ein Dreieck formt: das weibliche Geschlecht wird dargestellt, aber wir sehen es nicht. Und genau um diese Unsichtbarkeit geht es auch im Buch: so findet sich beispielsweise auf der Plakette, die die NASA 1972 mit der Raumsonde Pioneer ins All geschickt hat, um möglicherweise existierendes außerirdisches Leben über das Leben auf der Erde zu informieren, neben der Abbildung eines Mannes mit Penis und Hoden das Bild einer Frau ohne jeglichen Hinweis auf äußere Geschlechtsorgane. Kein Strich wo die “Scham”lippen aufeinander treffen, keine Schamhaare (von einer Klitoris ganz zu schweigen), nichts.

Aber nicht nur die NASA scheint das Bild einer Vulva offenbar so anstößig zu finden, dass selbst Außerirdische davor bewahrt werden müssen (sehr lustig das gezeichnete Szenario, wie diese auf eine Vulva-Plakette reagiert haben könnten – aber das müsst Ihr Euch schon selbst anschauen), auch in schwedischen Biologiebüchern wird das weiblich Geschlecht offenbar lediglich als Hohlform dargestellt, in das der Penis passt, als Vagina (aber nicht als Vulva). Mädchen, die solche Bilder vor Augen haben und sich selbst betrachten, müssen auf die Idee kommen, dass mit ihnen was nicht stimmt, dass da was zu viel ist. Dabei müssten wir einfach nur aufhören, über das weibliche Geschlecht als ein Loch (ein Nichts) zu sprechen. Und stattdessen zum Beispiel über Hahnenkämme singen…

Und wir müssten beginnen, die Dinge richtig zu benennen, und Abbildungen von Vulven nicht mit dem Begriff Vagina zu bezeichnen (auch dazu gibt es eine ziemlich coole Übersicht im Buch, die ich allen nur ans Herz legen kann).

In Liv Strömquists “Urspung der Welt” geht es aber bei weitem nicht nur um Unsichtbarkeit, sondern auch um Menstruation und das sie umgebende Tabu, um die Klitioris in all ihrer Tiefe, über indische Yonikulte und eurpäische Vulva- Herzeigerinnen (Sheela-na-gigs), über die Frau als invertierter Mann, über den Nutzen von Orgasmen und die Notwendigkeit eines Vulvadenkmals. Das ist alles nicht nur erhellend und gut recherchiert (sogar mit Fußnoten, das freut das Wissenschaftlerinnenherz) sondern auch ziemlich lustig. Das Lachen bleibt einem aber spätestens dann im Halse stecken, wenn es um die Männer geht, die sich nach Strömquist nicht zu wenig, sondern zu viel mit der Vulva beschäftigt haben: Männer, die eine afrikanische Frau mit langen Schamlippen als “Hottentottenvenus” ausgestellt haben, die eine “männlich” sich benehmende Königin exhumieren ließen (1965!) , um nachzuschauen, ob sie vielleicht ein Hermaphrodit war und männliche Ärzte, die Frauen die Klitoris wegschnitten (Kliteridektomie), weil sie “zu viel masturbierten”. Von vielen dieser Begebenheiten hatte ich noch nie gehört und entsprechend schockierend fand ich, in einem Comic davon zu lesen. Schockierend aber wichtig.

Ich war aber nicht nur schockiert, sondern hab wie schon geschrieben auch viel gelacht und hatte einige Aha-Momente. Die eindrucksvollen Illustrationen sorgen dabei dafür, dass man sich auch später noch an das Gelesene erinnert und die überall auf den Seiten verteilten “Fußnoten” bieten Anregungen für all diejenigen, die sich weiter in dieses Thema vertiefen wollen. Unbedingte Leseempfehlung also – nicht nur für Vulva-Besitzer*innen!

Der Ursprung der Welt von Liv Strömquist ist im Avant-Verlag erschienen und kostet ungefähr 20 Euro.

 

Subspace – oder die Wissenschaft vom Fliegen

Letzte Woche habe ich beschrieben, welche Gründe es dafür geben kann, dass Menschen Gefallen an BDSM-Praktiken finden. Eine dieser Erklärungen geht davon aus, dass Menschen mit masochistischen oder devoten Neigungen, wenn sie Schmerz “erleiden” oder in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden (physisch durch Seile, Ketten, Handschellen oder psychisch durch Befehle) in einen tranceähnlichen Zustand geraten, der in der Szene Subspace, Rope-High (beim Fesseln) oder einfach Fliegen genannt wird.

Subspace in Seilen – Foto: Sandra Rabl

Innerhalb der Szene scheint es, wie man an diversen Forendiskussionen sieht, einen lebhaften Austausch darüber zu geben, was hier genau passiert. Handelt es sich um einen veränderten Bewusstseinszustand vergleichbar dem der Hypnose oder Trance? Spielen Hormonausschüttungen eine Rolle? Werden durch den Schmerz Endorphine ausgeschüttet, die wiederum ein Hochgefühl auslösen? Aber warum funktioniert das dann auch ohne Schmerz? Führen etwa verschiedene Praktiken zu unterschiedlichen Subspace-Formen?

Besonders gut erforscht ist dieses Feld noch nicht, aber ich habe immerhin drei Studien gefunden die sich mit den physischen (und psychischen) Wirkungen von BDSM-Praktiken auseinandersetzen und die kommen alle zu dem Schluss, dass Cortisol (ein “Stresshormon”)  hier eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Aber nicht nur…

In einer Studie  mit insgesamt 58 Menschen, die BDSM praktiziert haben, fand der amerikanische Sozialpsychologe Brad Sagarin mit Kolleg*innen bei Menschen, die die passive (devote, masochistische) Rolle eingenommen hatten, erhöhte Cortisolwerte im Speichel und wenn es sich dabei um Frauen handelte ebenfalls erhöhte Testosteronwerte (!) (macht Sub sein also eigentlich “männlicher”???). Beide Partner*innen zeigten darüber hinaus im Anschluss in der Regel eine stärkere emotionale Bindung zu ihren (Spiel-)Partner*innen, vor allem, wenn sie die Begegnung als geglückt empfanden.

Die selbe Autor*innengruppe in etwas anderer Zusammensetzung hat sich in einer weiteren Studie einem ganz speziellen BDSM-Ritual gewidmet, dem sogenannten “Dance of Souls“, bei dem die TeilnehmerInnen unter anderem temporäre Piercings erhalten, an den Haken oder Gewichte befestigt werden. Außerdem wird bei diesem Event getrommelt und getanzt. Auch hier zeigten die Personen, die sich Schmerzen ausgesetzt hatten, sich also hatten piercen lassen, erhöhte Cortisolwerte. Darüber hinaus zeigte sich aber bei beiden Gruppen, sowohl den Personen, die gepierct wurden, als auch bei den Piercern, Trommlern und den Personen, die durch das Ritual geführt haben, Anzeichen für Flow und einem Trance- Zustand, der “transient Hypofrontality” genannt wird (hier ein aufschlussreiches Video dazu, hier habe ich schon darüber geschrieben).  Es scheinen hier also sowohl aktive als auch “passive” Teilnehmer*innen so etwas wie Subspace zu erleben, wobei natürlich nicht klar ist, ob das durch das Piercing-Ritual oder den rituellen Tanz ausgelöst wurde.

Die dritte Studie zu Bewusstseinsveränderungen im BDSM-Kontext, die ich gefunden habe (wieder von der selben Forscher*innengruppe an der Illinois State University), beschäftigt sich explizit mit BDSM-Praktiken im engeren Sinne (ohne Trommeln und Tanzen)  und räumt dazu noch eine mögliche Alternativerklärung aus: dass nicht die Praktiken zu spezifischen veränderten Bewusstseinszuständen führen, sondern dass Personen, die zu bestimmten Bewusstseinsveränderungen neigen, gerne bestimmte Rollen einnehmen. Dafür rekrutierten sie sieben Paare bestehend aus Switchern (also Personen, die sowohl die aktive als auch die passive Rolle mögen) , und ließen jeweils den Zufall entscheiden, wer die aktive und wer die passive Rolle einnehmen sollte. Damit wurde sichergestellt, dass die gefundenen Effekte auch wirklich auf die eingenommene Rolle zurückzuführen sind.

Diese Paare durften/mussten nun miteinander in den zugewiesenen Rollen “spielen”, unterbrochen von einigen psychologischen Tests und Entnahmen von Speichelproben und  beobachtet von Wissenschaftle*innen (jeweils ein/r pro Paar), die zuvor mit BDSM-Pornos das Beobachten geübt hatten. All das fand an einem Abend an einem Ort statt, der mit vielen Zimmern und einem Kühlschrank für die Speichelproben ausgerüstet war (hier der Artikel in voller Länge) und muss – wenn ich mir das so vorstelle – für alle Beteiligten ein skurriler bis aufregender Spaß gewesen sein (ich möchte Sexualforscherin werden- sagte ich das bereits?). Was waren die Ergebnisse? Im Gegensatz zum “Seelentanz” schienen hier nur die passiven Personen “transiente Hypofrontalität”, also Subspace, zu erleben, während sich bei beiden Personengruppen Anzeichen für Flow fanden. Beide zeigten außerdem verminderten psychologischen Stress und verminderte negative Emotionen, sowie sexuelle Erregung – was jetzt nicht wirklich verwunderlich ist.

Wir wissen nun also, dass Cortisol eine wichtige Rolle spielt, dass BDSM-Praktiken zu Flow, emotionaler Bindung, reduziertem psychologischen Stress und sexueller Erregung führen können- und dass zumindest die Subs in einen veränderten Bewusstseinszustand geraten können, der sich dadurch kennzeichnen lässt, dass höhere kognitive Funktionen heruntergefahren werden und sich ein Gefühl des Einsseins und der Entspannung einstellt – ein Gefühl des Fliegens. Was wir nicht wissen: welche Rolle Adrenalin und Endorphine spielen, ob dieser Zustand wirklich der Hypnose gleicht, ob es vielleicht sogar unterschiedliche Formen von Subspace gibt und was das alles wirklich mit Sex zu tun hat.

Die Wissenschaft ist dem Subspace also auf der Spur, doch noch sind viele  Fragen offen und ich bin gespannt, in welche Richtung sich hier die Forschung weiterbewegt. Welche Erklärungsmodelle für Subspace findet Ihr überzeugend? Kennt Ihr vielleicht sogar weitere Studien dazu? Ich bin für Hinweise sehr dankbar und würde mich über eine Diskussion in den Kommentaren freuen!

 

 

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