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Sex im Sachcomic III: Queer – eine illustrierte Geschichte

Was ist eigentlich dieses “queer”? Einfach ein anderes Wort für lesbisch, schwul, bisexuell (trans, inter). Oder umfasst es noch mehr? Ist es vielleicht auch eine Bezeichnung für Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen (gender-queer)? Oder geht es hier um Theorien, die uns irgendwie dazu bringen können, anders über Sexualität, sexuelle Orientierung und Geschlecht zu denken? (Spoiler: es ist irgendwie alles) Ich hab mich da lange nicht ausgekannt und ich dachte ehrlich gesagt auch, dass es schwierig sein müsste, sich da einigermaßen auszukennen und man ziemlich viele ziemliche schwierige Bücher lesen müsste, um einen Überblick zu bekommen.

Dann bin ich zufällig in meiner Buchhandlung über “Queer- eine illustrierte Geschichte” von Meg-John  Barker und Julia Scheele gestolpert und bin auf der U-Bahn-Fahrt zurück so darin versunken, dass ich meine Ausstiegshaltestelle verpasst habe. Dabei handelt es sich dabei gar nicht um eine Geschichte, eine Graphic Novel; sondern um ein Sachbuch. Um ein Sachbuch mit Bildern, und zwar mit Bildern, die so illustrativ sind, dass sie immer wieder vor meinem inneren Auge auftauchen, wenn ich mich an ein bestimmtes Thema, eine bestimmte Theoretiker*in oder einen bestimmten Aspekt von Queerness, queeren, Queer-Forschung oder  Queer- Theorie erinnere.

Auf jeder Seite (manchmal auch Doppelseite) wird ein Thema behandelt: mit einem Text und ein bis zwei Zeichnungen, die meist Sprechblasen enthalten, die die zentralen Aussagen einzelner Protagonist*innen und Theoretiker*innen zusammenfassen. Da geht es um die Geschichte der Sexualwissenschaften und welche Türen (Denkräume) da jeweils geöffnet und geschlossen wurden, um Geschichte und Protagonist*innen von Queer-Theorie, um die Kritik an festen Identitätskonzepten, um Körper, Macht, Film und Camp, um kritische Sexologie, Rassismus, Klassismus, Bisexualität und Kink.

Um Sexualität geht es dabei nicht immer, aber wenn dann mit einem deutlich weiteren Fokus, als ich gedacht hätte. Inwiefern ist beispielsweise Kink (BDSM) queer? Und was heißt es, Sexualität von den Rändern her zu denken? Kategorien von normal und abnormal (Krank, gestört, ungewöhnlich…) aufzugeben? Kategorien und Identitäten generell zu hinterfragen? Welche Türen öffnet das und wer könnte sich dadurch potentiell bedroht fühlen? Indem das Buch diese Themen anreißt, vermittelt es gleichzeitig das Rüstzeug, zu verstehen, worum es bei modernen Debatten um Gender, Homosexualität, Identitätspolitik  und Feminismus geht. Ohne, dass man eine ganze Bücherei gelesen haben muss – aber vielleicht mit dem neu erwachten Wunsch, die eigene selbige um ein paar Klassiker der Queer-Theorie zu ergänzen.

Queer- eine illustrierte Geschichte ist im Unrast-Verlag (der mir freundlicherweise eine Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat) erschienen und kostet circa 17 Euro.

Können wir nicht über “da unten” reden weil wir von “da unten” reden?

Ich habe meinen ersten Sexworkshop gehalten. Na ja, nicht ganz: einen Workshop übers Reden über Sex. Warum es so schwierig ist. Warum es vielleicht trotzdem gut wäre. Und wie wir es tun können, wenn wir es tun wollen. Zu letzterem sind wir dann nicht mehr wirklich gekommen. Aber der Reihe nach.

Der Workshop fand an einem wunderschönen Ort statt, bei einem ganz großartigen kleinen Festival, das Freunde von mir organisiert haben, mit lauter großartige Menschen, von denen sich viele tatsächlich für das Thema (keine Überraschung) und für meinen Workshop (schon eine Überraschung) interessiert haben. Da nicht alle die ganze Zeit Zeit hatten, habe ich den Workshop in zwei Teile geteilt: im ersten Teil haben wir über darüber gesprochen, mit welchem Vokabular wir über Sex sprechen, im zweiten darüber, warum es uns so schwer fällt und welche (gute )Gründe es da geben kann, es nicht zu tun.  Interessant fand ich da den Punkt, dass Sex einen sehr körperlichen und damit nicht-verbalen Zauber haben kann, der dadurch zerstört werden könnte, dass man darüber spricht – vor allem (aber nicht nur) währenddessen. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen würde und ich weiß auch nicht, ob es Forschungsergebnisse dazu gibt  (“Zauber” lässt sich generell schwer erforschen) aber fast noch interessanter fand ich eine Beobachtung aus dem ersten Teil: Wir tun uns offenbar relativ leicht tun, die männlichen Sexualorgane zu benennen, während wir uns mit den verschiedenen Bezeichnungen für die weiblichen Geschlechtsorganen nicht wirklich wohlfühlen.

Während die WorkshopteilnehmerInnen Penis (oder manchmal auch Schwanz) zumindest einigermaßen OK fanden , gab es bezüglich der weiblichen Geschlechtsorgane sehr viel mehr Begriffe (wie zum Beispiel Muschi, Möse oder Fut), die als unschön und sogar als abwertend (!) empfunden wurden. Unser Versuch, einen abwertenden Begriff für den Penis zu finden, war dagegen ziemlich erfolglos. Ziemlich häufig genannt wurden Scheide oder Vagina, wobei vor allem letzteres teilweise als zu medizinisch angesehen wurde. Und noch etwas anderes fällt hier auf: Scheide und Vagina bezeichnen eigentlich nur den innenliegenden Teil der weiblichen Geschlechtsorgane, den Muskelschlauch. Der äußere Teil (Klitoris, Scheideneingang und Schamlippen – auch so ein blödes Wort: was gibt es hier zu schämen?) heißen Vulva. Vagina wird im allgemeinen Sprachgebrauch – so auch im Workshop – manchmal auch für alles verwendet, was an sich kein Problem ist: Sprache ist lebendig und wandelt sich im Gebrauch. Allerdings ist es auch irgendwie sehr bezeichnend: wir meinen alles, verwenden dafür aber den Begriff, der ursprünglich nur den unsichtbaren Teil bezeichnet hat. Damit sagen wir doch im Grunde: das eigentlich Wichtige an den weiblichen Geschlechtsorgane ist die Hohlform, das wo ein Penis hineinpasst, nicht etwa die Teile, die man sehen kann und die Lust machen. Kein Wunder dass das alles so schwierig ist mit dem Reden!

Meine These wäre nun: um wirklich über Sex reden zu können,  müssen wir Begriffe finden (zu Not auch erfinden), die uns gefallen. Oder wir nehmen erstmal die, die wir haben, und die uns am wenigsten missfallen. Und diese verwenden wir dann so lange so häufig und zu allen möglichen Gelegenheiten (im Gespräch mit unseren Freundinnen, mit unseren Kindern, mit unseren Kolleginnen, beim Arzt,  beim Reden über Sex oder über Fahrradsättel) bis sie uns kein bisschen komisch , “schmutzig”, seltsam oder peinlich mehr vorkommen, sondern das sind , was sie sein sollten: ganz normale Bezeichnung für ein ganz normales Körperteil. Dann fällt es uns vielleicht  leichter, bei, vor oder nach dem Sex darüber das zu sagen, was wir sagen wollen.

Ich danke allen Teilnehmer*innen der Workshops! Ihr wart großartig und ich habe sehr viel gelernt von Euch!

Sex im Sachcomic II: Der Ursprung der Liebe

Wie “Der Ursprung der Welt” Pflichtlektüre für alle Vulvabesitzer*innen und -liebhaber*innen ist (hier vorgestellt) , so ist “Der Ursprung der Liebe” der schwedischen Zeichnerin Liv Strömquist Pflichtlektüre für alle, die sich mit alternativen Beziehungsformen und verschiedenen Formen, Liebe zu leben, beschäftigen. Wir lernen hier, warum Frauen traditionell diejenigen sind, die sich um Gefühle kümmern, während Männer ihre Unabhängigkeit pflegen (können), dass Liebesheiraten eine Erfindung des 19. Jahrhunderts sind (1790 hingegen: “Wir haben nicht aus Liebe geheiratet” “Na und? Ruf einen an den das interessiert” “Wie denn? das Telefon ist noch nicht erfunden? “), was Monogamie und die gesellschaftliche Verurteilung der Geliebten mit Besitzverhältnissen zu tun haben und warum wir der Liebe in unserer Gesellschaft generell einen so großen Stellenwert einräumen. Weil sich Strömquist als Schwedin auch mit nordischen Mythen beschäftigt hat, weiß sie, dass Frigg, Odins Frau, mehrere Männer hatte, also Polyandrie lebte, und Freya Sex mit mehreren Zwergen hatte, was von den nationalromantischen Dichtern wohlweislich verschwiegen wurde.

Besonders eindrücklich auch die Darstellung unserer seriell monogamen Vorstellungen, die sich darin ausdrücken, dass wir Personen lieben (sollen), so lange wir mit ihnen zusammen sind, und dann plötzlich von einem Tag auf den anderen damit aufhören, um jemand anderen zu lieben.

 

Während ich den Titel “Der Ursprung der Welt” richtig super finde, gefällt mir “Der Urspung der Liebe” nicht ganz so gut. Denn eigentlich geht es nicht um ihren Ursprung, sondern darum, was sie für uns bedeutet. Viel besser passt da meiner Meinung nach der schwedische Titel: Prins Charles Känsla, übersetzt: Das Gefühl von Prinz Charles. Der bezieht sich, wie Liv Strömquist in einem Interview für die Missy berichtet, nämlich auf ein Interview mit ihm, in dem er auf die Frage, ob er Lady Diana liebe, antwortete: “Yes – whatever love means.”  Und damit fängt er ziemlich gut ein, worum es in diesem Buch geht.

Aber auch inhaltlich bin ich von diesem Band nicht ganz so restlos begeistert, wie von “Der Ursprung der Welt”. Das hängt aber vielleicht auch mit meinem disziplinären Hintergrund in der Psychologie zusammen. Aus irgendeinem Grund bin ich bei psychologischen Erklärungen für soziale Phänomene, denen hier durchaus Bedeutung eingeräumt wird,  immer besonders skeptisch, und ganz schlimm wird es für mich dann, wenn psychoanalytischen Erklärungen dazu kommen. Die erwecken oft den Anschein, als könnte etwas nur so und nicht anders sein, dabei geht es doch gerade darum, vermeintliche Universalien zu hinterfragen.  Trotzdem: ein sehr lesenswertes Buch – kritisch bewerten können wir ja schließlich alle selbst.

“Der Ursprung der Liebe” ist im Avant-Verlag erschienen und kostet circa 20 Euro.

Sex im Sachcomic I: Der Ursprung der Welt

Comics anzuschauen, um sich ernsthaft mit Themen wie Liebe, Sexualität, Geschlecht auseinanderzusetzen: ehrlich gesagt, da wäre ich erstmal nicht drauf gekommen. Nun hatte meine Lieblingsbuchhandlung (keine Werbung- ich bekomme nichts dafür) gleich drei wunderbare einschlägige Comics vorrätig, die ich in den folgenden Tagen vorstellen will:  “Der Ursprung der Welt”  und “Der Ursprung der Liebe” (beide von Liv Strömquist) sowie “Queer – eine illustrierte von Geschichte” von Meg-John Barker und Julia Scheele.

Anfangen möchte ich mit “Der Ursprung der Welt”  der schwedischen Comiczeichnerin, Feministin und studierten Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist. “Der Ursprung der Welt” ist der Titel eines ziemlich expliziten Bildes von Gustave Courbet, das die behaarte Vulva einer mit geöffneten Schenkeln vor der Betrachterin/dem Betrachter liegenden Frau zeigt. Auf dem Titelbild von Liv Strömquists Ursprung der Welt sehen wir eine bekleidete Frau, die aber ebenfalls die Beine öffnet und mit ihren Händen vor ihrem Geschlecht ein Dreieck formt: das weibliche Geschlecht wird dargestellt, aber wir sehen es nicht. Und genau um diese Unsichtbarkeit geht es auch im Buch: so findet sich beispielsweise auf der Plakette, die die NASA 1972 mit der Raumsonde Pioneer ins All geschickt hat, um möglicherweise existierendes außerirdisches Leben über das Leben auf der Erde zu informieren, neben der Abbildung eines Mannes mit Penis und Hoden das Bild einer Frau ohne jeglichen Hinweis auf äußere Geschlechtsorgane. Kein Strich wo die “Scham”lippen aufeinander treffen, keine Schamhaare (von einer Klitoris ganz zu schweigen), nichts.

Aber nicht nur die NASA scheint das Bild einer Vulva offenbar so anstößig zu finden, dass selbst Außerirdische davor bewahrt werden müssen (sehr lustig das gezeichnete Szenario, wie diese auf eine Vulva-Plakette reagiert haben könnten – aber das müsst Ihr Euch schon selbst anschauen), auch in schwedischen Biologiebüchern wird das weiblich Geschlecht offenbar lediglich als Hohlform dargestellt, in das der Penis passt, als Vagina (aber nicht als Vulva). Mädchen, die solche Bilder vor Augen haben und sich selbst betrachten, müssen auf die Idee kommen, dass mit ihnen was nicht stimmt, dass da was zu viel ist. Dabei müssten wir einfach nur aufhören, über das weibliche Geschlecht als ein Loch (ein Nichts) zu sprechen. Und stattdessen zum Beispiel über Hahnenkämme singen…

Und wir müssten beginnen, die Dinge richtig zu benennen, und Abbildungen von Vulven nicht mit dem Begriff Vagina zu bezeichnen (auch dazu gibt es eine ziemlich coole Übersicht im Buch, die ich allen nur ans Herz legen kann).

In Liv Strömquists “Urspung der Welt” geht es aber bei weitem nicht nur um Unsichtbarkeit, sondern auch um Menstruation und das sie umgebende Tabu, um die Klitioris in all ihrer Tiefe, über indische Yonikulte und eurpäische Vulva- Herzeigerinnen (Sheela-na-gigs), über die Frau als invertierter Mann, über den Nutzen von Orgasmen und die Notwendigkeit eines Vulvadenkmals. Das ist alles nicht nur erhellend und gut recherchiert (sogar mit Fußnoten, das freut das Wissenschaftlerinnenherz) sondern auch ziemlich lustig. Das Lachen bleibt einem aber spätestens dann im Halse stecken, wenn es um die Männer geht, die sich nach Strömquist nicht zu wenig, sondern zu viel mit der Vulva beschäftigt haben: Männer, die eine afrikanische Frau mit langen Schamlippen als “Hottentottenvenus” ausgestellt haben, die eine “männlich” sich benehmende Königin exhumieren ließen (1965!) , um nachzuschauen, ob sie vielleicht ein Hermaphrodit war und männliche Ärzte, die Frauen die Klitoris wegschnitten (Kliteridektomie), weil sie “zu viel masturbierten”. Von vielen dieser Begebenheiten hatte ich noch nie gehört und entsprechend schockierend fand ich, in einem Comic davon zu lesen. Schockierend aber wichtig.

Ich war aber nicht nur schockiert, sondern hab wie schon geschrieben auch viel gelacht und hatte einige Aha-Momente. Die eindrucksvollen Illustrationen sorgen dabei dafür, dass man sich auch später noch an das Gelesene erinnert und die überall auf den Seiten verteilten “Fußnoten” bieten Anregungen für all diejenigen, die sich weiter in dieses Thema vertiefen wollen. Unbedingte Leseempfehlung also – nicht nur für Vulva-Besitzer*innen!

Der Ursprung der Welt von Liv Strömquist ist im Avant-Verlag erschienen und kostet ungefähr 20 Euro.

 

Subspace – oder die Wissenschaft vom Fliegen

Letzte Woche habe ich beschrieben, welche Gründe es dafür geben kann, dass Menschen Gefallen an BDSM-Praktiken finden. Eine dieser Erklärungen geht davon aus, dass Menschen mit masochistischen oder devoten Neigungen, wenn sie Schmerz “erleiden” oder in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden (physisch durch Seile, Ketten, Handschellen oder psychisch durch Befehle) in einen tranceähnlichen Zustand geraten, der in der Szene Subspace, Rope-High (beim Fesseln) oder einfach Fliegen genannt wird.

Subspace in Seilen – Foto: Sandra Rabl

Innerhalb der Szene scheint es, wie man an diversen Forendiskussionen sieht, einen lebhaften Austausch darüber zu geben, was hier genau passiert. Handelt es sich um einen veränderten Bewusstseinszustand vergleichbar dem der Hypnose oder Trance? Spielen Hormonausschüttungen eine Rolle? Werden durch den Schmerz Endorphine ausgeschüttet, die wiederum ein Hochgefühl auslösen? Aber warum funktioniert das dann auch ohne Schmerz? Führen etwa verschiedene Praktiken zu unterschiedlichen Subspace-Formen?

Besonders gut erforscht ist dieses Feld noch nicht, aber ich habe immerhin drei Studien gefunden die sich mit den physischen (und psychischen) Wirkungen von BDSM-Praktiken auseinandersetzen und die kommen alle zu dem Schluss, dass Cortisol (ein “Stresshormon”)  hier eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Aber nicht nur…

In einer Studie  mit insgesamt 58 Menschen, die BDSM praktiziert haben, fand der amerikanische Sozialpsychologe Brad Sagarin mit Kolleg*innen bei Menschen, die die passive (devote, masochistische) Rolle eingenommen hatten, erhöhte Cortisolwerte im Speichel und wenn es sich dabei um Frauen handelte ebenfalls erhöhte Testosteronwerte (!) (macht Sub sein also eigentlich “männlicher”???). Beide Partner*innen zeigten darüber hinaus im Anschluss in der Regel eine stärkere emotionale Bindung zu ihren (Spiel-)Partner*innen, vor allem, wenn sie die Begegnung als geglückt empfanden.

Die selbe Autor*innengruppe in etwas anderer Zusammensetzung hat sich in einer weiteren Studie einem ganz speziellen BDSM-Ritual gewidmet, dem sogenannten “Dance of Souls“, bei dem die TeilnehmerInnen unter anderem temporäre Piercings erhalten, an den Haken oder Gewichte befestigt werden. Außerdem wird bei diesem Event getrommelt und getanzt. Auch hier zeigten die Personen, die sich Schmerzen ausgesetzt hatten, sich also hatten piercen lassen, erhöhte Cortisolwerte. Darüber hinaus zeigte sich aber bei beiden Gruppen, sowohl den Personen, die gepierct wurden, als auch bei den Piercern, Trommlern und den Personen, die durch das Ritual geführt haben, Anzeichen für Flow und einem Trance- Zustand, der “transient Hypofrontality” genannt wird (hier ein aufschlussreiches Video dazu, hier habe ich schon darüber geschrieben).  Es scheinen hier also sowohl aktive als auch “passive” Teilnehmer*innen so etwas wie Subspace zu erleben, wobei natürlich nicht klar ist, ob das durch das Piercing-Ritual oder den rituellen Tanz ausgelöst wurde.

Die dritte Studie zu Bewusstseinsveränderungen im BDSM-Kontext, die ich gefunden habe (wieder von der selben Forscher*innengruppe an der Illinois State University), beschäftigt sich explizit mit BDSM-Praktiken im engeren Sinne (ohne Trommeln und Tanzen)  und räumt dazu noch eine mögliche Alternativerklärung aus: dass nicht die Praktiken zu spezifischen veränderten Bewusstseinszuständen führen, sondern dass Personen, die zu bestimmten Bewusstseinsveränderungen neigen, gerne bestimmte Rollen einnehmen. Dafür rekrutierten sie sieben Paare bestehend aus Switchern (also Personen, die sowohl die aktive als auch die passive Rolle mögen) , und ließen jeweils den Zufall entscheiden, wer die aktive und wer die passive Rolle einnehmen sollte. Damit wurde sichergestellt, dass die gefundenen Effekte auch wirklich auf die eingenommene Rolle zurückzuführen sind.

Diese Paare durften/mussten nun miteinander in den zugewiesenen Rollen “spielen”, unterbrochen von einigen psychologischen Tests und Entnahmen von Speichelproben und  beobachtet von Wissenschaftle*innen (jeweils ein/r pro Paar), die zuvor mit BDSM-Pornos das Beobachten geübt hatten. All das fand an einem Abend an einem Ort statt, der mit vielen Zimmern und einem Kühlschrank für die Speichelproben ausgerüstet war (hier der Artikel in voller Länge) und muss – wenn ich mir das so vorstelle – für alle Beteiligten ein skurriler bis aufregender Spaß gewesen sein (ich möchte Sexualforscherin werden- sagte ich das bereits?). Was waren die Ergebnisse? Im Gegensatz zum “Seelentanz” schienen hier nur die passiven Personen “transiente Hypofrontalität”, also Subspace, zu erleben, während sich bei beiden Personengruppen Anzeichen für Flow fanden. Beide zeigten außerdem verminderten psychologischen Stress und verminderte negative Emotionen, sowie sexuelle Erregung – was jetzt nicht wirklich verwunderlich ist.

Wir wissen nun also, dass Cortisol eine wichtige Rolle spielt, dass BDSM-Praktiken zu Flow, emotionaler Bindung, reduziertem psychologischen Stress und sexueller Erregung führen können- und dass zumindest die Subs in einen veränderten Bewusstseinszustand geraten können, der sich dadurch kennzeichnen lässt, dass höhere kognitive Funktionen heruntergefahren werden und sich ein Gefühl des Einsseins und der Entspannung einstellt – ein Gefühl des Fliegens. Was wir nicht wissen: welche Rolle Adrenalin und Endorphine spielen, ob dieser Zustand wirklich der Hypnose gleicht, ob es vielleicht sogar unterschiedliche Formen von Subspace gibt und was das alles wirklich mit Sex zu tun hat.

Die Wissenschaft ist dem Subspace also auf der Spur, doch noch sind viele  Fragen offen und ich bin gespannt, in welche Richtung sich hier die Forschung weiterbewegt. Welche Erklärungsmodelle für Subspace findet Ihr überzeugend? Kennt Ihr vielleicht sogar weitere Studien dazu? Ich bin für Hinweise sehr dankbar und würde mich über eine Diskussion in den Kommentaren freuen!

 

 

Hauen, fesseln, schimpfen – warum machen die das?

Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Beitrag nicht mit einer Referenz auf 50 Schattierungen einer gewissen Farbe zu beginnen ;-), und hoffe deshalb, dass es auch so klingelt, wenn ich schreibe, dass es im folgenden um sexuelle Praktiken gehen wird, die in der Szene unter dem Akronym BDSM zusammengefasst werden: Bondage (Fesseln), Discipline (Bestrafung), Dominanz, Submission (Unterwerfung), Sadismus (Lust am Zufügen von Schmerzen) und Masochismus (Lust am “Erleiden” von Schmerzen). Menschen, die sich dieser Szene zurechnen oder eine entsprechende Sexualität leben (oder phantasieren), mögen es beispielsweise bzw. finden es erregend, zu schlagen und/oder geschlagen zu werden, zu fesseln und oder gefesselt zu werden, zu beschämen oder gedemütigt zu werden, erzogen zu werden, zu bestrafen, Schmerz zu erleiden oder einer andere Person zu sagen, was sie tun soll. Manche haben dabei immer die aktive Rolle, andere immer die passive und wieder andere (Switcher genannt) wechseln die Rollen. Auch wenn eine Person nur eine Rolle, zum Beispiel die passive Rolle mag (solche Personen bezeichnet man als devot oder masochistisch) heißt das nicht, dass sie alles mag. Vielleicht mag sie es, wenn man ihr Schmerz zufügt (Masochismus), mag aber nicht gedemütigt werden. Oder sie  empfindet Lust und Erregung, wenn sie gefesselt wird, kann (heftigeren) Schmerz aber gar nicht ausstehen.

So unterschiedlich die Menschen sind, die sich zu diesen Praktiken bekennen, eines dürften sie alle gemeinsam haben: sie werden durch andere Personen, die solche Praktiken nicht mögen und befremdlichen finden, immer mal wieder mit dem Vorurteil konfrontiert, dass etwas mit ihnen nicht stimmen könne, dass das doch krank oder unnormal oder zumindest gefährlich sei, was sie da begehrten und praktizierten. Einen wichtigen Beitrag dürfte da auch der zu Anfang nicht genannte Film geleistet haben: wissen wir doch nun, dass die männliche Hauptfigur nur deshalb Sadist geworden ist, weil er eine schlimme Kindheit hatte. Tatsächlich zeigt eine Studie der australischen Sexualwissenschaftlerin Juliet Richters, dass Menschen, die BDSM mögen, nicht häufiger sexuellen Missbrauch in der Kindheit erlebt haben als “Normalos” und dass sie auch nicht häufiger psychologischen Stress erleben. Ja, es gibt sie noch die Diagnosen “sexual masochism disorder” und “sexual sadism disorder” im DSM, dem amerikanischen Klassifikationssystem für psychische Störungen, allerdings darf die nur vergeben werden, wenn die betroffenen Personen unter ihren sadistischen oder masochistischen Phantasien leiden.

Wenn diese BDSMler also in der Regel nicht krank oder gestört sind, warum mögen sie dann Dinge, die vielen anderen Menschen nicht im geringsten als erstrebenswert erscheinen dürften? In den Sexualwissenschaften werden hier verschiedene Erklärungen diskutiert wie zum Beispiel die These, dass BDSMler “Sensation seekers” seien, also Personen die generell nach besonders intensiven Erlebnissen suchten. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sexuelle Präferenzen durch klassische Konditionierung gelernt werden. Wenn eine Person das erste Mal sexuelle Lust erfährt, wenn sie beim Indianerspiel an einen Marterpfahl gefesselt ist, sollte sie später eher dazu neigen, fesseln erregend zu empfinden. Besonders interessant finde ich aber eine dritte Erklärung, die besonders gut für Personen mit masochistischen oder devoten Neigungen passt (eventuell aber auch auf die aktiven Counterparts): beim “Erleiden” von Schmerz, beim gefesselt werden, beim Befolgen von Befehlen erleben viele Praktizierende von BDSM nicht nur sexuelle Erregung sondern auch etwas, das im Szene- Jargon Subspace genannt wird: ein veränderter Bewusstseinszustand ähnlich eines Highs (durch Sport oder durch Drogen) oder einer Trance. Aus wissenschaftlicher Sicht könnte es sich dabei um einen Zustand handeln, der dem Neurowissenschaftler Arne Dietrich  folgend als “transient Hypofrontality” bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um einen vorübergehenden (transient) Zustand verringerter (hypo) Frontalität, wobei mit Frontalität die Funktionen des frontalen Cortex gemeint sind wie zum Beispiel Arbeitsgedächtnis, die Fähigkeit sich Vergangenheit und Zukunft vorzustellen und vorauszuplanen etc. (hier ein interessanter Ted-Talk dazu). Die Personen erleben also einen traumähnlichen Zustand, in dem sie nicht vorausplanen, nicht an die Vergangenheit denken, generell nicht nachdenken, sondern sich im Hier und Jetzt befinden, und erleben genau das als angenehm, rauschhaft, trance-ähnlich.  Nehmen Personen, die sich in BDSM-Sessions regelmäßig in den Sub-Space führen lassen also Urlaub von ihren höheren Hirnfunktionen? Und warum ist genau das so angenehm ? Und was hat es mit Sex zu tun?

Fragen über Fragen, und die Sexualwissenschaft scheint hier erst am Anfang zu sein. Ein paar Studien gibt es dazu allerdings schon und die mag ich Euch nächste Woche vorstellen. Vorher würde ich aber gerne von Euch wissen: welche Fragen habt Ihr zum Themenfeld BDSM? Was wolltet Ihr diesbezüglich schon immer einmal wissen? Schreibt es mir in die Kommentare, ich werde versuchen, es für Euch herauszufinden!

Was “Pornosucht” mit Moral zu tun hat

Wie ich hier schon beschrieben habe, gibt es eine intensive Kontroverse darüber, ob übermäßiger – oder sagen wir besser: intensiver – Pornokonsum krankheitswertig ist und ob er als Sucht beschrieben werden kann. Nun gibt es unzweifelhaft Menschen, die ihren Pornokonsum als problematisch wahrnehmen, und das wird auch in der Forschung so beschrieben. Doch was, wenn diese Menschen ihren Pornokonsum nicht deswegen problematisch finden, weil sie süchtig geworden sind und einfach nicht mehr damit aufhören können (obwohl sie gerne würden) sondern auch weil sie es im Grunde moralisch verurteilenswert finden, was sie da tun: vielleicht haben sie das Gefühl, damit ihre Partner*innen zu betrügen oder finden es nicht gut, wenn sie durch ihren Konsum dazu beitragen, dass Menschen in der Pornoindustrie arbeiten (müssen)?

Der amerikanische Psychologe Joshua Grubbs und seine Kolleg*innen scheinen in einer kürzlich im Journal “Addiction” veröffentlichten Arbeit genau das herausgefunden zu haben (bzw. sagen wir es korrekter: Unterstützung für diese Hypothese gefunden zu haben). Befragt haben sie 1507 Studierende dreier amerikanischer Universitäten und 782 Erwachsene, und zwar zweimal im Abstand von einem Jahr. Erhoben haben sie dabei den durchschnittlichen täglichen Pornographiekonsum, verschiedene psychologische Maße wir Neurotizismus und Selbstkontrolle, Religiosität, moralische Eistellungen gegenüber Pornographie und die selbst wahrgenommene Abhängigkeit von Pornographie. Für letzteres haben sie eine Skala verwendet, die Aussagen enthielt wie: “Selbst wenn ich keine Pornos schauen will, fühle ich mich dazu hingezogen” , ich fühle mich deprimiert, nachdem ich Pornos geschaut habe” und ” ich habe wichtige Prioritäten aufgeschoben, um Pornos zu schauen”.

Analysiert haben die Autor/inn/en nun zwei Dinge: wie die verschiedenen Variablen beim zum ersten Zeitpunkt miteinander korrelieren (also wie sie zusammenhängen) und inwiefern sich die selbst wahrgenommene Abhängigkeit von Pornographie in Jahr 2 durch die in Jahr 1 erfragten Variablen vorhersagen lassen (dazu gleich mehr). In der ersten Analyse haben sie herausgefunden, dass es einen statistisch bedeutsamen Zusammenhang gibt zwischen der selbst wahrgenommenen Abhängigkeit und dem täglichen Konsum aber auch zwischen wahrgenommener Abhängigkeit und moralischer Verurteilung von Pornographie – und zwar unabhängig vom tatsächlichen Konsum. Das heißt: selbst wenn zwei Leute ganz genau gleich viel oder wenig Pornos schauen, wird sich im Mittel der oder die deutlich abhängiger fühlen (z.B. das Gefühl haben, wichtige Prioritäten dadurch vernachlässigt zu haben) , der/die Pornographiekonsum für moralisch verwerflich hält. Wenn man nun die wahrgenommene Abhängigkeit zum Zeitpunkt 2 durch die Variablen von vor einem Jahr vorhersagen, dann stellt sich heraus, dass der tatsächliche Pornokonsum gar keinen bedeutsamen Einfluss mehr hat, sondern nur noch die moralische Einstellung gegenüber Pornographie.

Grubbs und Kollegen ziehen daraus den Schluss , dass, die Wahrnehmung, selbst von Pornographie abhängig zu sein, meist keine akkurate Selbstbeschreibung darstelle, sondern stark von der eigenen moralischen Beurteilung von Pornographie abhänge. Das hat nun Konsequenzen für die Beurteilung der Krankheitswertigkeit oder des Suchtcharakters von intensivem Pornographiekonsum:  Die Tatsache, dass es einer Person mit etwas schlecht geht, dass sie einen Leidensdruck verspürt, ist ein zentrales Kriterium für eine psychische Störung. Damit soll verhindert werden, dass Menschen andere Menschen als psychisch gestört abstempeln, nur weil ihnen deren Verhalten nicht gefällt. Kommt dieser Leidensdruck aber nicht aus dem entsprechenden Verhalten selbst, sondern aus der eigenen moralischen Beurteilung, so ist nach Grubbs et al. schon zu fragen, ob das Verhalten das Problem ist oder die entsprechenden moralischen Standards. Dann wäre statt der Frage, ob Pornos süchtig und krank machen, zunächst einmal zu diskutieren, wie wir Pornographiekonsum eigentlich moralisch bewerten.

Zum Schluss noch ein interessanter Nebenbefund der Studie: über 40 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die zum Zeitpunkt 1 noch Pornos geschaut hatten, gaben zum Zeitpunkt 2 an, es sei 6 Monaten nicht mehr getan zu haben (und wurden somit für die Längsschnittanalyse nicht mehr herangezogen). Ohne Vergleichszahlen zu kennen: ich finde das sind ziemlich viel! Hat hier etwa das Ausfüllen des Fragebogens schon therapeutisch (oder eben auch moralisch) gewirkt? Hat er dazu angeregt, den eigenen Pornographiekonsum kritisch zu reflektieren ? Oder wollten diese Personen einfach nicht zugeben, noch immer Pornos zu schauen? Leider erfahren wir dazu von den Autor/inn/en nichts, aber vielleicht finde ich ja noch etwas heraus.

 

Links seriös

Über kaum ein sexuelles Thema wird so erbittert diskutiert wie über Prostitution. Selten so eine kluge, reflektierte und interessante Stimme dazu gehört, wie die von Ilan Stephani. Sie hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben, es gibt aber auch ein sehr sehenswertes Youtube-Video mit ihr.

Nicht weniger kontroversiell ist das Thema Pornographie. Eltern, die nicht wollen , dass ihre Kinder Pornos schauen, greifen inzwischen offenbar zu ziemlich unkonventionellen Mitteln. Irgendwie witzig, aber für mich nicht wirklich überzeugend: dass Pornos die Hauptquelle problematischer Körperbilder sind, würde ich bezweifeln. Und wenn Jugendliche ihr Wissen über Sexualität hauptsächlich aus Pornos beziehen, brauchen sie eine besser Sexualaufklärung und generell Zugang zu besseren Informationen und nicht Eltern, die selbst Pornos drehen.

Guter Wissenschaftsjournalismus ist selten (ist ja auch nicht leicht). Noch seltener ist guter Wissenschaftsjournalismus zum Thema Sexualität und Sexualwissenschaft. Eine wirklich großartige Ausnahme ist dieser Artikel über den Mythos, dass Frauen deutlich länger brauchen als Männer, um zum Orgasmus zu kommen.

Gute Berichte über sexualwissenschaftliche Forschungsergebnisse finden sich auch auf dem unheimlich umfangreichen (wie kommt dieser Mann überhaupt noch zum Forschen und Unterrichten?) Blog des amerikanischen Sexualpsychologen Justin Lehmiller. Einer meiner Lieblingsartikel: Is Cuckolding the new Swinging?

Ihr habt einen interessanten Text über Sexualität gelesen oder kennt einen spannenden Blog? Oder habt eine Meinung zu #Parentsonpornub? Dann lasst doch bitte einen Kommentar da! 

 

Kein blaues Wunder. Sex ohne Ficken

In der Serie ‘Sexualities’ werden hier in im Folgenden immer wieder Menschen zu Wort kommen, die über ihre ungewöhnliche oder auch sehr gewöhnliche Sexualität berichten werden: Nicht in Form einer (medizinischen) Fallgeschichte, also aus einem pathologisierenden Blickwinkel, sondern als Bericht von und über sexuelle Vielfalt und Individualität. – Ein wenig auch als Gegenpol zu einer sozialwissenschaftlichen Sichtweise, die in der Regel auf bestimmte Menschengruppen gerichtet ist statt auf Einzelfälle. Fabian Ventura macht den Anfang: er hat sich für die Form des Interviews mit sich selbst entschieden.

Ich sitze mit mir selbst, einem Laptop und – im Laufe der Zeit – mehreren Tassen guten Espresso in einem Café. Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe: ein Interview mit mir selbst über meine Sexualität. Nun, immerhin kenne ich mich zumindest ein wenig und muss daher nicht lange um den heißen Brei reden. Ich wende mich also mir zu, einem großgewachsenen, freundlich dreinschauenden End-40er mit kurzen, grauen Haaren und einigen Kilos zu viel um die Mitte, und stelle die erste Frage:

Kannst Du Deine sexuelle Identität benennen?

Ja. (Fabian zögert ein wenig) Ich bin ein Mann, ein „Cis-Mann“.

Du zögerst dabei. Warum?

Weil es nicht so einfach ist. Auch mitten im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa. Es stimmt, Mann darf heute viel, wofür er vor 50 Jahren noch offen verlacht worden wäre. Manches davon wird noch immer verlacht, aber halt nicht offen oder nicht im 7. Bezirk. (Fabian grinst) Ein Aspekt der „klassischen“ Männlichkeit ist aber heute wie eh und je fix und – so erlebe ich es zumindest – untrennbar mit dem Attribut „Mann“ verbunden: die sexuelle Manneskraft und Standfestigkeit. Mann muss zumindest 1-2mal pro Woche ficken wollen – oder eigentlich andauernd und immer. Männlicher Sex ist Penetration mit dem Penis. Im besten Fall ist Ficken Teil von einem umfassenderen sexuellen Repertoire des „neuen (Super-)Mannes“. Darum habe ich gezögert bei der Frage, ob ich ein Mann bin. Denn das mit dem Ficken ist nicht meins…

Das heißt, du hast eine „erektile Dysfunktion“?

Es ist komplizierter als nur „keinen hochkriegen“… In meiner grundlegenden sexuellen Orientierung würde ich mich als Hetero bezeichnen. Vielleicht auch mit kurzem Zögern, weil es da schon zumindest andere Fantasien auch gibt. Aber wenn es darum geht, wo ich mich hingezogen fühle, dann sind das Frauen oder Menschen mit vorwiegend weiblichen Attributen. Ich finde Frauen* sexuell anregend, ja: erregend. Ich habe Lust, als Mann Frauen zu begegnen. Aber ich habe kein Interesse, sie mit meinem Penis zu ficken.

Kannst Du das genauer erklären? Was meinst Du dann mit „anregend“ und „erregend“?

Ganz konkret: Meine Frau ist ganz wunderbar. Ich finde sie wunderschön und habe starke sexuelle Gefühle für sie. Ich begehre sie! Aber nicht mit meinem Schwanz, sondern mit meinen Händen, meinem Mund, meiner Haut, meiner Nase, meinen Ohren. Ich will sie sehen, spüren, riechen, schmecken und hören. Wenn ich sie mit allen Sinnen wahrnehme und dabei auch noch ihre Erregung spüre, dann ist das wunderbarer Sex für mich. Dabei wird manchmal auch mein Schwanz hart. Aber selbst dann habe ich wenig Verlangen, sie zu ficken. Auch Blasen oder Handarbeit sind dann für mich eher „angenehm“ als „geil“. Ich strebe bei Sex auch kein „Kommen“ an und bin – wenn es schön war – nachher trotzdem vollkommen befriedigt. Dabei ist mein sexuelles Begehren keineswegs passiv. Im Gegenteil! Ich finde es wunderbar, meine Frau aktiv auf vielfältige Weise zu erregen und zu befriedigen, aber eben ohne Ficken.

Du sagst, dass Dein Schwanz „manchmal“ hart wird. Das heißt also, oft bleibt er schlapp. Ist Dein Des-Interesse daher nicht vielleicht in die Kategorie „saure Trauben“ einzuordnen? Weil es nicht geht, sagst Du Dir, dass Du eh gar nicht willst?

Das kann ich natürlich nicht ausschließen, aber wenn, dann passiert das auf einer sehr tiefen, unbewussten Ebene. Denn es gibt mehrere Gründe, warum ich glaube, dass das nicht so ist. Am deutlichsten wird es, wenn ich pharmazeutische Unterstützung nutze. Da ich ja erregt bin und ich durchaus spontane Erektionen habe, „funktioniert“ das ganz gut. Dann gibt meine körperliche Kondition die Grenze vor, wie lange und ausgiebig ich ficken kann. Aber: mir bereitet das Geficke wenig Freude und es wird daher eher zum Stress für mich. Die blauen Pillen wirken, haben mir aber kein Wunder im Bett ermöglicht.

Zum anderen ist es so, dass ich auch angesichts von anderen Frauen, die mir gefallen, die ich „geil“ finde, nie das Bedürfnis oder die Fantasie habe, sie zu ficken. Auch dabei sind es Wünsche und Gedanken des Spürens, Küssens und so weiter. Und schließlich habe ich keinerlei Probleme, beim Wixen einen Steifen zu kriegen und zu kommen. Das ist aber eine ganz andere Qualität der sexuellen Befriedigung.

Hm, das klingt insgesamt jetzt so, als wäre Deine Sexualität zwar vielleicht nicht unbedingt das „Übliche“, aber doch schön und befriedigend, also alles im Lot. Ist das so?

Leider nicht ganz. Da ist zunächst mal bei mir das noch immer nicht abgeschüttelte Gefühl des Versagens, des Nicht-Normal-Seins. Ich werde andauernd und rundherum mit diesen Leistungsstandards der Männlichkeit konfrontiert. Jahrelang habe ich versucht, das „Defizit“ zu beheben, um normal zu „funktionieren“. Egal ob medizinische oder psychotherapeutische Hilfe, die Angebote gehen auch alle nur in die Richtung, die „Funktion“ wiederherzustellen. Keine einzige Ärztin* und kein einziger Therapeut* hat hinterfragt, was ich will und mit mir das Nicht-Wollen als valides Szenario entwickelt. Das musste ich selbst tun!

Klingt frustrierend.

Ist es auch. Und dann ist da meine Frau. Für die war das lange Zeit – und ist es wahrscheinlich noch – auch alles andere als leicht. Einerseits, ich kann es nachfühlen, ist ein schlapper Schwanz für sie zunächst einmal eine Kränkung. Denn auch für sie wirkt die gesellschaftliche Norm! ‚Wenn ein Mann mich nicht ficken will, dann bin unattraktiv für ihn‘, so oder so ähnlich kommt es für sie rüber. Da halfen lange Jahre alle Beteuerungen und alle „Taten“ der erotischen Wertschätzung wenig. Zudem wünscht sie sich schlicht, auch mal gefickt zu werden. Obwohl ich sie eh auf mehrere andere Arten zum Höhepunkt bringen kann, so ist dennoch die Sehnsucht bei ihr da, einen steifen Schwanz in sich zu spüren. Auch das kann ich nachvollziehen, ein schöner, steifer Schwanz ist etwas Geiles… Diesen Frust meiner Frau bekomme ich natürlich mit.

Autsch! Da wird es wohl auch so einiges an unerfreulicher Dynamik in der Beziehung geben?

Kann man sagen! Da ist zunächst mal die Frust-Dynamik: Es gab Zeiten, da wollte ich gar keinen sexuellen Kontakt mehr und bin teilweise jeder körperlichen Nähe aus dem Weg gegangen, nur um das Gefühl und das Erleben des „Versagens“ zu vermeiden. Was natürlich wieder meine Frau frustriert hat. Und damit wurde der von mir erlebte Druck noch größer…

Meine Frau hat darauf dann so reagiert, dass es für sie „ein guter Grund war“ fremdzugehen und sich den Sex woanders zu holen. Das ist über lange Jahre so gegangen. Bis sie sich mal in einen andern verliebt hat, was zu einer Beinahe-Trennung geführt und das Fremdgehen aufgedeckt hat.

Diese Verletzungen habe ich dann versucht therapeutisch aufzuarbeiten, aber – leider – immer mit dem Fokus auf das Herstellen einer „normalen“ Funktion.

Bis ich langsam selbst in eine Akzeptanz gefunden habe. Zumindest so halbwegs. Das hat dann viel offenere Gespräche ermöglicht. Weil ich ein paar Schritte raus bin aus dem Eck des „nicht Funktionierens“ und wir endlich über unser Wollen reden konnten und können. Ich meine echt und ehrlich und weniger belastet. Weil irgendwie haben wir ja eh immer geredet. Aber mit einem Fokus, der nicht hilfreich war.

Aktuell läuft der Versuch, in einer offenen Beziehung zu leben, die es meiner Frau ermöglicht, das zu bekommen, was ich ihr nicht geben kann und dennoch das wertzuschätzen, was wir miteinander haben.

Also doch eine positive Lösung am Ende?

Na ja, zumindest am Weg dahin. Was ich jedenfalls noch überwinden muss, ist das Versagens-Gefühl in der offenen Beziehung. Die erlebe ich derzeit noch ziemlich unausgewogen. Denn für eine Frau ist es offenbar recht leicht, Männer zu finden, die sie ficken und die ihr so Anerkennung und Bestätigung geben. Umgekehrt ist sehr schwer ist für mich, Frauen zu finden, die das suchen, was ich bieten kann: umfassende erotische Wertschätzung und intensive Befriedigung, nur halt ohne Ficken. Also etwas irgendwo zwischen Kuschel-Party und „klassischem“ Affären-Sex. Ich bekomme also bislang keine Anerkennung und Bestätigung… Bin ich wirklich so gut im Bett – mit meinem Repertoire? Kann ich andere Frauen auch so gut befriedigen, oder nur meine, weil wir uns halt schon lange kennen?

Und was natürlich weiter bestehen bleibt, ist der Druck gesellschaftlicher Normen. Der ist für mich spürbar auf so vielen Ebenen! Selbst bei meinen wirklich guten Freunden finde ich wenig Verständnis. Sie können mein Nicht-Können und vor allem mein Nicht-Wollen kaum nachvollziehen. Das geht weiter im Alltag mit jeder Menge zotiger Witze und Bemerkungen rundherum, mit Medien, Filmen, Serien und so weiter – unweigerlich wird immer Sex mit Ficken gleichgesetzt. Ein Thematisieren ist kaum möglich, ohne seltsame Reaktionen zu ernten. Ich fühle mich ziemlich allein…

Wie wird es für Dich weitergehen?

Ich weiß nicht, ob das tatsächlich alles so ist, wie ich es derzeit erlebe. Vielleicht stimmt es ja, und es ist bei mir „bloß“ irgendwo ein Knick in meinen Kanälen der sexuellen Energie. Vielleicht schlummern aber auch noch ganz andere Sehnsüchte in mir, die ich bis jetzt noch nicht kenne.

Ich habe jedenfalls vor, meine sexuelle Identität, Orientierung und Energie weiter zu erforschen! Da kann dann noch einiges zu Tage treten. Es gibt so viele Formen und Ausprägungen von sexueller Freude. Manches ist de facto als „normal“ definiert, viel mehr aber entspricht nicht dieser Norm. Schön sein kann das eine wie das andere. Was klar ist: Für jeden Menschen ist – in mehr oder weniger großen Variationen – etwas anderes schön, befriedigend und erfüllend. Bei aller Unsicherheit, was ich an und in mir noch finden werde – ich freu mich drauf! Ich möchte Teil einer Vielfalt sein, die gefeiert wird!

Das klingt auch nach einem gesellschaftlichen Anliegen. Daher zum Schluss noch eine Frage: Du heißt nicht wirklich Fabian. Warum möchtest Du anonym bleiben?

Wenn es nur um mich ginge, wäre es mir egal, ja, würde ich sogar ganz bewusst mit meinem echten Namen hier erzählen. Aber da es auch um meine Frau geht und zumindest indirekt auch der Rest der Familie „seltsam“ angeredet werden könnte, bleibt es bei Fabian. Wer mehr wissen und mit mir in Kontakt treten will: fabian.ventura@gmx.at

Danke für das Selbst-Gespräch!

Danke , Fabian!! Wenn Ihr ebenfalls zu dieser Kategorie beitragen wollt und dazu beitragen wollt, ein vielseitigeres Bild von Sexualität zu vermitteln , freue ich mich über eine Nachricht hier.

Polyamorie erforschen – Teil 2 des Interviews mit dem Polyamorieforscher Stefan Ossmann

Ich habe den Wiener Polyamorieforscher Stefan Ossmann an der Universität besucht, um mit ihm über seine Forschung zu sprechen. Den ersten Teil des Interviews, in dem er mir erklärt hat, was Polyamorie eigentlich ist und warum polyamor leben ungefähr so schwierig ist, wie sich vegan zu ernähren, kannst Du hier nachlesen. Im zweiten Teil des Gesprächs haben wir dann konkret über seine Forschungen gesprochen und Stefan hat mir erzählt, was polyamor lebende Menschen machen, wenn sie den tödlichen Männerschnupfen haben, welche Frage seine Interviewpartner*innen nicht beantworten wollten und warum er sich eigentlich gar nicht für Sex interessiert.

Kathrin: Welche Frage möchtest Du in Bezug auf Polyamorie beantworten?

Stefan Ossmann: Ich schaue mir an, inwiefern sich die Eigenwahrnehmung polyamor lebender Menschen mit der medialen Fremddarstellung deckt. Ist das, was in der Zeitung steht, das, was Personen, die poly leben, auch so wahrnehmen? Wenn es ein Thema ist, zu dem wir noch keine Meinung haben, und zu dem wir auch keine Personen im Bekannten oder Freundeskreis haben, die wir direkt danach fragen können, kommt den Medien eine besonders große Bedeutung zu. Eine meiner Detailfragen ist: Welche Medien haben Menschen konsumiert, als sie sich das erste mal mit Polyamorie auseinandergesetzt haben. Holen sie sich die Informationen aus dem Internet von Wikipedia, aus Blogbeiträgen, aus der Ratgeberliteratur, aus wissenschaftlicher Literatur oder aus Zeitungsartikeln? Schauen sie sich an, was der Standard, die Presse, die FAZ oder linke Zeitungen wie zum Beispiel die TAZ darüber schreiben. Mich interessiert das Phänomen also aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive. Es gibt schon nicht besonders viel Forschung zu Polyamorie generell, aber zu Polyamorie und Medien gibt es international praktisch nichts.

K: Was weiß man denn bisher über Polyamorie aus der Forschung?

S: Dass es etwas ist, was überwiegend von Menschen mit einem hohen Bildungsgrad gelebt und praktiziert wird, von Menschen mit dementsprechenden finanziellen Mitteln und – wenn man sich amerikanische Studien anschaut – überwiegend von Weißen. Der hohe Bildungsgrad ist damit erklärbar, dass polyamor lebende Menschen an einem der Pfeiler der Gesellschaft rütteln. Man muss schon relativ reflektiert sein und sich mit Beziehungsformen auseinandersetzen, um das durchziehen zu können und entsprechend leben zu können. Man musst sich ja auch in seinem Bekanntenkreis rechtfertigen. Ähnlich sieht es beim Einkommen aus: ein Großteil der überwiegend funktionierenden Polybeziehungen finden nicht im gemeinsamen Haushalt statt. Die Menschen wohnen getrennt. Um sich Einzelwohnungen leisten zu können, muss man aber die entsprechenden finanziellen Mittel haben. Es gibt auch Menschen, die zusammen leben und mehrere Beziehungen haben, aber da bleibt es immer asymmetrisch, weil die dazukommende Person nie den Status erreichen kann, wie der Partner oder die Partnerin, die im selben Haushalt lebt. Das kann ein Fluch sein, aber auch ein Segen. Die auswärts lebende Person ist eben auch nicht mit den dreckigen Socken konfrontiert oder der Nicht-Trennung von Bunt- und Weißwäsche und wenn der Mann einen Männerschnupfen hat, was ja eine Nahtoderfahrung sein kann für Männer, muss sich auch die Person drum kümmern bei der er daheim sterbend auf der Couch liegt. Er wird nämlich nicht zur Zweitfrau fahren, auf ihre Couch liegen und dort sterben.

K: Heißt das, dass Symmetrie für viele polyamor lebenden Menschen tatsächlich ein Ideal ist?

S: Da sind wir bei der zweiten Sache, die wir wissen. Da die Sozialwissenschaft gerne kategorisiert, sprechen wir von Primär- Sekundär und Tertiärbeziehungen. Die Idee der Primärbeziehungen ist, mit zwei – mehr geht schon pragmatisch nicht – Personen eine gleichberechtigte Beziehung zu führen. Sekundärbeziehungen haben eine geringere Bedeutung und Intensität und Tertiärbeziehungen eine noch geringere. Das ergibt sich teilweise aus pragmatischen Gründen, wenn ein Paar Kinder hat oder wenn Personen nicht in derselben Stadt wohnen. Die Intensität der Beziehungen kann aber auch emotionale Gründe haben. Wenn zum Beispiel eine neue Person dazu kommt, die sehr spannend ist, auch sexuell, aber gleichzeitig nicht berechenbar und eher sprunghaft, dann würde mich diese Person nach drei Jahren irrsinnig nerven. Ich habe dann keinen Primärbeziehung mit ihr, fahre vielleicht mal eine Woche nach Barcelona mit ihr aber sicher nicht drei Wochen mit dem Zug durch den Balkan.

K: Wie erforschst Du denn nun Polyamorie?

S: Ich mache zwei Dinge: die Fremddarstellung analysiere ich anhand von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln und die Eigenwahrnehmung erhebe ich über biographische Interviews innerhalb der Polycommunity – überwiegend in Wien.

K: Wie kommst Du an Deine Interviewpartner*innen?

S: Ich habe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis einige Menschen, die poly leben. Deswegen kannte ich die Szene schon. Konkret gibt es in Wien zwei Orte bzw. Organisationen, wo sich polyamore Menschen treffen. Das eine ist eine Art Vereinslokal, wo einmal im Monat Treffen stattfinden und das zweite ist eine Mailingliste, die auch monatliche Treffen veranstaltet, ganz bewusst in unterschiedlichen Lokalen.

K: Du sprichst also mit Personen, die Du entweder kanntest oder die Polyamorie so offen leben, dass sie auf dieser Liste aktiv sind oder zu dementsprechenden Treffen gehen?

S: Genau, das ist ein gewisser Bias. Ich versuche das aber dadurch auszugleichen, dass ich möglichst viele Menschen interviewe, die zu einem Polykül gehören. Ein Polykül ist ein Beziehungscluster: wenn man so etwas aufzeichnet, sieht es aus wie z.B. eine Sauerstoffverbindung, also wie ein Molekül. Daher der Name. Die Kugeln sind die beteiligten Personen und die Dicke der Verbindungen symbolisiert die Intensität der Verbindungen zwischen diesen Personen. Und dadurch, dass ich alle Personen eines Polyküls interviewe, hoffe ich die Stimmen der Menschen am Rand, die eventuell nicht zu solchen Treffen gehen würden, auch einzufangen.

K: Ich könnte mir noch einen anderen Bias vorstellen: Polyamorie hat, wie vorhin schon angesprochen, auch mit Sexualität zu tun. Hatten die Personen, mit denen Du gesprochen hast, Vorbehalte, über ihre Sexualität, ihr sexuelles Handeln zu sprechen?

S: Dazu eine interessante Beobachtung: im Anschluss an das Interview habe ich noch einen demographischen Fragebogen. Und da haben die Interviepartner*innen plötzlich Hemmungen, die Höhe ihres Gehalts anzugeben, viel mehr als wenn es beispielsweise um ihre sexuelle Orientierung oder ihre Sexualität geht.

Wobei ich sagen muss, dass mich sexuelle Praktiken nicht interessieren. Es kommt zwar immer wieder vor, dass Personen mir von unterschiedlichen Neigungen und Vorlieben erzählen, zum Beispiel wenn es darum geht, wie sie den Partner kennen gelernt haben. So scheinen überdurchschnittlich viele polyamor lebende Menschen eine SM-Neigung zu haben , was aber auch an dem Lokal liegen kann, wo ich sie getroffen habe, welches für kink bekannt ist. Aber wie dann genau gefesselt wird, ob mit Feuer oder Wachs gespielt oder japanisch gefesselt und aufgehängt wird, interessiert mich dann nicht mehr. Die Leute erzählen mir da manchmal mehr als sie müssten und ich kann mit der Information auch nicht viel anfangen, weil ich mit Sexualität theoretisch nicht viel am Hut habe. Ne, ich bin Kommunikationswissenschaftler.

Viele der Menschen, die ich interviewe kenne ich auch persönlich. Und ich begegne diesen Personen in meinem Umfeld immer wieder. Und ich weiß nach so einem Interview eh schon recht viel über die Personen, was es auch immer wieder schwierig macht, Anschlusskommunikation zu betreiben, weil ich die Dinge, die ich erfahre, nicht in Alltagsgespräche einbringe wenn andere dabei sind. Und da ist es vielleicht auch ganz gut, sexuellen Praktiken nicht im Detail zu kennen.

K: Darfst Du oder möchtest Du mir schon etwas über erste Ergebnisse Deiner Arbeit sagen?

S: Eindeutige Ergebnisse habe ich bei der kirchlichen Anerkennung. Die meisten Personen , die ich interviewt habe, sind ohne Bekenntnis. Und ein paar sind protestantisch. Die, die katholisch waren sind aus der Kirche ausgetreten. Entsprechend war die kirchliche Anerkennung zum Beispiel durch eine Segnung von Mehrfachbeziehungen praktisch kein Thema.

Ein weiterer spannender Punkt war die Geschichte mit den Testimonials, mit positiv konnotierte Vorbildern. In der Schwulenszene in Österreich gab es zum Beispiel Günter Tolar, der moderierte zur besten Sendezeit die Fensehshow ‘Made in Austria’ und hat sich glaub 2002 als schwul geoutet. 2007 folgte ihm Alfons Haider, der Schwiegersohn der Nation. Dann hatten wir vor mittlerweile drei Jahren Conchita Wurst. Ein schwuler Mann mit Bart in Frauenkleidern, der/die singt. Ging gar nicht. Ist auch ordentlich in den Medien zerrissen worden. Und dann fährt er/sie zum Song Contest und gewinnt das Ding. Wo war denn Österreich bislang richtig großartig? Beim Schifahren und beim Schispringen und dann hört es schon auf. Und plötzlich hatte auch meine Verwandtschaft im katholischen Dorf in Oberösterreich eine neue Heldin, die nicht aufgrund ihrer sportlichen Leistung berühmt geworden ist. Da war richtig zu merken, wie sich am Stammtisch die Stimmung geändert hat. Es war zwar immer noch nicht klar, ob es ein Mann oder eine Frau ist, aber das war wurscht, schließlich hatte sie was für Österreich gewonnen. So etwas hat die Polycommunity nicht. Es gibt Virginia Wolf, Jean-Paul Sarte, Simone de Beauvoir, Gustav Klimt, René Magritte. Das ist großartig, die sind alle positiv konnotiert aber leider auch alle tot. Bei den lebende Testimonials gibt es Dieter Wedel, Deutscher Filmemacher, im Rahmen der ‘#metoo-Debatte gerade medial angeklagt wegen sexueller Übergriffe und häuslicher Gewalt, sechs Frauen und mit diesen sechs Frauen sechs Kinder. Oder Rainer Langhans, Mitbegründer der Kommune 1, angeklagt wegen Brandstiftung in den 70er Jahren, neulich im Dschungel-Camp und dort recht früh rausgeflogen. Und schließlich eine Frau: die Uschi Obermaier: erstes Rock’n Roll Groupie Deutschlands, Sex-Idol, Alkohol- und Drogenexzesse, Affäre mit Mick Jagger. Die leben alle noch, aber die sind halt alle nicht positiv konnotiert.

Meine Hypothese wäre, wenn sich die Helene Fischer jetzt hinstellen und sagen würde „Ja, ich habe seit sechs Jahren eine Beziehung mit dem Florian Silbereisen, das wissen alle, aber heimlich und verborgen bin ich seit vier Jahren auch mit dem Andreas Gabalier zusammen und jetzt wagen wir den Schritt in die Öffentlichkeit“, ja (lacht) dann wär ma da!

K: Gibt es etwas aus Deiner Forschung, was Dich überrascht hat?

O: Nicht direkt aus der Forschung, aber aus der Recherche. Es hat mich überrascht, dass Polyamorie nicht nur unsere Altersgruppe betrifft, sondern dass auch 60+ Personen polyamor leben. Und dass Polyamorie in ganz unterschiedlichen Formen und Ausprägungen gelebt wird. Schon Zweierbeziehungen können so unterschiedlich sein – da gibt es unterschiedliche Kochrituale, Freizeit- und Sportaktivitäten, Familiensituationen. Poly ist nochmal vielfältiger, weil mit jeder Person im Beziehungsgeflecht nochmals eine neue Facette dazukommt. Es ist tatsächlich so groß und anstrengend, wie man es erwartet würde. Nein, es ist viel größer und viel anstrengender und mühsamer aber auch lohnender. Polyamorie ist nicht wie ein Hobby, das man eben ab und zu ausübt. Wenn man es ernsthaft betreibst, ist es immer da. Es ist, wie wenn man Kinder hat. Die sind auch immer, immer, immer da.

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