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Meine Studie ist online!

Hier mal ein Anliegen in eigener Sache: ich beschäftige mich ja nicht nur mit den Gedanken und Forschungsergebnissen anderer, sondern mache auch selbst Sexualforschung. Aktuell erforsche ich mit einer Kollegin aus der Gesundheits- und Krankenpflege, welche Faktoren sexuelle Zufriedenheit beeinflussen und wie das speziell bei Menschen mit gesundheitlichen Problemen aussieht. Der Fragebogen richtet sich aber an alle, je diverser desto besser.

Und hier könnt Ihr mitmachen: Fragebogen SexHealth

Naturgemäß enthält der Fragebogen auch sensible Fragen zur eigenen Sexualität, Ihr könnte aber zu intime Fragen immer überspringen auch wenn wir uns natürlich freuen, wenn Ihr den Fragebogen so vollständig wie möglich beantwortet. Außerdem ist die Erhebung vollständig anonym.
Die Beantwortung dauert 10-20 Minuten, wir freuen uns, wenn Ihr den Link auch an Freund*innen und Verwandte weiterschickt, und ich werde natürlich hier über die Ergebnisse berichten.

Danke für Dein Nein- Über die Bedingungen von Konsens

Die wunderbare Sara Ablinger hat mich eingeladen mit ihr und zwei weiteren spannenden Menschen – dem Playfight-Experten und Künstler Dorian Bonelli und der Jugend-Aufklärerin und Psychologin Elisabeth Mayer – über Konsens zu diskutieren. Ich hatte mir vorher überlegt, was für mich Konsens ist und vor allem was meine Ansicht nach die Bedingungen für Konsens sind.

von rechts nach links: Dorian, Kathrin, Sara und Elisabeth bei der Podiumsdiskussion zum Thema Konsens; Bilder: Daniel Nuderscher

Hier möchte ich diese Punkte, gemeinsam mit dem was ich von den anderen Diskussionsteilnehmer*innen gelernt habe, zusammenfassen und zur Diskussion stellen. Zunächst mal:

Was ist eigentlich Konsens?

Im Englischen wird in Diskussionen zur Einvernehmlichkeit von Berührungen und Sex oft das Wort ´consent` verwendet, das soviel wie Einwilligung bedeutet. Wahrscheinlich deswegen wird auch im deutschen Sprachraum Konsens oft als ein Vorgang verstanden, in dem eine Person etwas möchte, in das die andere dann (explizit) einwilligt. Dieses Konzept ist aus mehreren Gründen problematisch. Wenn wir an die Person denken, die den Konsens einholt oder einholen sollte, denken wir oft an einen Mann und wenn wir an die Person denken, die zustimmt, dann denken wir an eine Frau. Wenn wir Konsens so unkritisch auffassen, reproduzieren wir also häufig heteronormative und sexistische  Klischees. Männer sind dann die, die immer wollen (und deswegen nicht gefragt werden müssen) und Frauen die, für die Sex potentiell unangenehm und eine Bedrohung ist.

zwei Frauen in schwarzen Kleidern, Sara und ich, sitzen auf einem Sofa vor einem gelben Tisch und überlegen/ sprechen miteinander

Bild: Daniel Nuderscher

Interessanterweise hat das Wort Konsens im Deutschen aber noch eine zweite Bedeutung: wenn verschiedene Parteien zu einem Konsens kommen, finden sie gemeinsam und gleichberechtigt einen Weg, der für alle passt. Und genau das wünschen wir uns ja im Grunde, wenn sich Menschen berühren oder Sex miteinander haben. Ich finde es deswegen sehr wichtig, dass wir in der Diskussion um Einvernehmlichkeit nicht (nur) in Kategorien von consent denken sondern uns anschauen wie echter Konsens ausschauen kann.

Was aber sind Voraussetzungen für Konsens?

(1) Selbstkonsens: Um sagen zu können, was ich (nicht) will, muss ich wissen was ich will (und was nicht). Und muss mir das auch zugestehen. Klingt einfach, ist es aber oft nicht. Wie oft übergehen wir ein ungutes Gefühl oder lassen uns auf etwas ein, was wir eigentlich nicht wollen, um nett zu sein oder eine andere Person nicht zu kränken? Aus der Diskussion habe ich gelernt, dass es für viele Menschen in Ordnung ist, sexuell auch mal etwas für andere zu tun, worauf sie gerade nicht so Lust haben, eben um der anderen Person einen Gefallen zu tun. Wir waren uns aber einig, dass die andere Person das wissen muss, sonst ist es kein echter Konsens. Außerdem wurde die Frage diskutiert, ob wir ganz grundsätzlich überhaupt von einem freien Willen ausgehen dürfen oder ob nicht das, was wir wollen, von Umständen und Erfahrungen beeinflusst bzw. determiniert ist. Ich habe dazu eine klare Position. Ich denke aber, dass wir, selbst wenn wir den freien Willen in Frage stellen, doch nicht in Frage stellen würden, dass Menschen etwas nicht wollen können.

(2) Die Einsicht, dass Konsens keine einmalige Angelegenheit ist: Ansätze, die Konsens im Zusammenhang mit Sexualität gesetzlich regeln wollen (was ich grundsätzlich keine schlechte Idee finde), haben oft das Problem, dass Sex als eine abgegrenzte und definierte Handlung aufgefasst wird, in die man einmal einwilligen kann und die dann abläuft wie ein Film. Also eine Person sagt “darf ich Dich küssen” oder “willst Du mit mir schlafen” und dann gilt das enthusiastische Ja, das da dann immer eingefordert wird, für alles Folgende. Solche Konzepte setzen voraus, dass es feste Regeln und Skripte davon gibt, was dann zu folgen hat. Das empfände ich als sehr einschränkend: Guter Sex ist kein einstudiertes Theaterstück sondern idealerweise etwas, was sich zwischen Menschen immer wieder neu und immer wieder anders entwickeln kann. Konsens sollte dann nicht nur am Anfang sondern immer wieder und nicht zuletzt in Bezug auf sein Ende hergestellt werden. Denn guter Sex kann gut enden lange nachdem beide zum Höhepunkt gekommen sind – oder auch lange davor.

(3) Elisabeth Mayer hat an einem Punkt der Diskussion einen schönen Satz gesagt: Konsens muss nicht immer verbal sein aber er muss es potentiell sein können. Warum und was ist damit gemeint? Wenn Konsens ein fortlaufender Prozess ist, dann fänden wir es wohl alle ziemlich nervig, wenn er immer wieder explizit verbal hergestellt werden müsste. Und – da waren sich interessanterweise auch alle einig in der Diskussionsrunde – das muss er auch nicht. Wir verfügen über nonverbale Wege, Einverständnis herzustellen, und sich mit voller Aufmerksamkeit auf das Gegenüber zu konzentrieren kann schon sehr dabei helfen, zu spüren, was die andere Person braucht. Doch nicht immer gelingt das nicht-verbal – und das ist weder ein Versagen noch ein schlechtes Zeichen. In solchen Situationen ist es aber wichtig, dass beide ohne falsche Zurückhaltung oder Scham sagen können, was nicht gut ist oder was sie stattdessen gerne anders hätten. Und solche Gespräche gelingen vor allem, wenn man sie in “guten Zeiten”, dann wenn es gerade kein Problem gibt, geübt hat, was mich direkt zum nächsten Punkt bringt.

(4) Wir brauchen eine Sprache für Sex. Um darüber sprechen zu können, was wir mögen und was nicht, was wir uns wünschen und wovon wir phantasieren, müssen wir in der Lage sein, ohne Scham über Körperteile, Berührungen und sexuelle Handlungen zu sprechen. Das ist nicht leicht in einer Zeit und einer Sprachgemeinschaft in der jedes alltäglich gebrauchte Wort für die weiblichen Geschlechtsorgane entweder eine Verniedlichung ist oder als Schimpfwort gebraucht wird. Und es ist nicht leicht, weil unsere Sprache über Sex entweder pornoesk oder medizinisch ist und ein normales “Dazwischen” fehlt (hier habe ich schonmal darüber geschrieben). Um im Zweifelsfall Konsens verbal herstellen zu können, wäre aber genau so eine normale Sprache sehr hilfreich  Und die können wir bereits im Alltag einüben.

(5) Wir müssen uns bewusst sein, inwiefern Macht Konsens beeinträchtigen kann. Ich sage hier bewusst nicht, dass jedes noch so kleine Machtgefälle Konsens unmöglich macht. Das würde den Personen mit der geringeren Macht zusätzlich Handlungsmöglichkeiten absprechen und sie damit bevormunden. Es ist aber auch klar, dass ich nicht so leicht Nein sagen kann, wenn ich psychisch oder ökonomisch von eine Person abhängig bin. Ich halte es deswegen durchaus für sinnvoll, dass Sex zwischen Therapeut*ìnnen und Klient*innen verboten ist und Lehrer*in-Schüler*in-Paare mit dem Sex warten bis die letzte Prüfung beurteilt ist (oder überhaupt einen Lehrer*innen-Wechsel anstreben). Ähnliches gilt für den beruflichen Kontext, wenn ein Machtgefälle besteht.

ein jüngere Mann mit einem grauen Hemd sitzt auf einem braunen Sessel und so spricht ggerade und gestikuliert dabei mit seinen Händen

Dorian Bonelli Bild: Daniel Nuderscher

(6) Berührung kann Konsens schaffen. Dorian Bonelli hat eines der überraschendsten und interessantesten Statements des Abend gemacht: um zu Konsens zu kommen, sollen wir in Berührung bleiben. Das überrascht deswegen, weil wir Berührung oft mit Grenzüberschreitung verbinden und wir doch eigentlich Konsens herstellen sollten, bevor wir uns berühren, oder nicht? Um das Statement besser zu verstehen, muss man vielleicht wissen, dass Dorian Playfights veranstaltet, also “Spielkämpfe” bei denen die Teilnehmer*innen vorher wissen, dass sie kämpfen werden, also berühren werden und berührt werden. Sein Statement bezog sich aber durchaus auf einen weiteren Rahmen und ich habe das zwar noch nicht ganz durchdacht, aber intuitiv würde ich ihm zustimmen, was sicher auch mit (3) zu tun hat: Konsens muss nicht immer verbal hergestellt werden. Ich denke dass wir es in einer berührungslosen Gesellschaft noch schwerer haben, zu Konsens zu kommen.

(6) Wir müssen bereit sein, ein Nein dankbar anzunehmen. Dieser schöne Gedanke kam von Sara, die das in ihren Workshops aktiv üben lässt: sich ein Nein abholen und dieses mit einem Danke anzunehmen. Ich habe das selbst mal in einem Workshop ausprobiert: wir sollten unser Gegenüber so berühren, dass es irgendwann Nein sagt. Ich habe mich vor dieser Übung ziemlich gefürchtet, weil ich nicht wusste, wie ich mit der Zurückweisung umgehen würde. Es war aber dann gar nicht schwer: weil ich realisiert habe, dass das Nein nicht mir als ganzer Person gilt sondern nur einer meiner Handlungen. Und dass es nicht die Interaktion/Beziehung insgesamt beendet sondern nur diese eine Handlung. Und dann konnte ich es als wertvolle Information begreifen, mich bedanken, dass die Person den Mut hatte Nein zu sagen und damit etwas sehr wichtiges dazu beigetragen hat, dass unsere Beziehung konsensuell bleibt. Das ganze funktioniert aber auch andersherum: wenn wir einem Nein mit einem Danke begegnen, dann wird es nicht so schnell zur Bedrohung für unseren Selbstwert und wir tragen insgesamt zur einer Kultur des Konsens bei.

 

Ich denke, dass das alles nicht leicht ist. Und es kann immer wieder vorkommen, dass es da zu Unklarheiten und Missverständnissen kommt. Das Problem ist meiner Meinung nach, dass uns versprochen wird, dass es leicht ist. Und dass wir deswegen glauben (oder glauben gemacht werden) es bräuchte keine Auseinandersetzung über Konsens. Wir waren uns am Ende der Diskussion einig, dass es die nach wie vor braucht und vielleicht immer brauchen wird.

Danke an Sara, Elisabeth und Dorian für die wertvollen Inputs; Bild: Daniel Nuderscher

Wie geht es Euch mit Konsens? Wart Ihr schon in Situationen, in denen Ihr Euch nicht sicher wart, ob sie konsensuell sind? Und habt Ihr schonmal von Berührungen Abstand genommen, weil Ihr nicht wusstest, wie ihr Konsens herstellen könnt?

 

Sind Sexualforscher*innen pervers? Das Stigma rund um die Sexualforschung. Oder: meine erste Sexualforschungskonferenz

Ich hatte mich sehr auf meine erste Sexualforschungskonferenz gefreut. In meiner “Heimat-“Disziplin Psychologie kommt Sexualität auf Konferenzen wenn überhaupt nur ganz am Rand vor. Und wenn dann das Übliche: “wie bekommen wir Leute dazu, Kondome zu benutzen”. Ich glaube in anderen Disziplinen ist das nicht so anders. In der Soziologie gibt es innerhalb der Europäischen Fachgesellschaft ESA (European Sociological Association) inzwischen immerhin eine Forschungsnetzwerk mit einer eigenen kleinen Konferenz. Dieses Jahr fand die in Krakau statt. Eine Sexualforschungskonferenz im katholischen Polen – nicht schlecht!

Krakau

Krakau ist schön. Da war ich im Herbst schonmal – auf einer anderen ESA- Konferenz. Und auch die Konferenz war spannend. Ich habe interessante Leute kennengelernt, über deren Forschung ich in den nächsten Wochen noch mehr schreiben möchte, und auch selbst vorgetragen (auch dazu vielleicht bald mehr).  Aber sie war nicht ganz so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, denn: es ging viel um sexuelle Orientierung, Identität, auch um Polyamorie und Sexarbeit, aber so wirklich um Sex – also darum, was Menschen konkret miteinander im Bett oder anderswo tun – darum ging es nicht. Was ich ein wenig schade fand. Ich finde ja, dass die Soziologie da durchaus Interessantes beizutragen hätte – schließlich ist unsere Sexualität nicht einfach nur triebgesteuert, sondern auch durch soziale Normen und Vorbilder geformt. Aber irgendwie blieben die meisten Vorträge seltsam distant. So kamen z.B. Themen wie BDSM, Paraphilien, Pornographie und konkrete sexuelle Praktiken gar nicht vor.

Konferenz-Gruppenbild ESA Sexuality Network – Foto: Emilia Oksentowicz

Am letzten Tag gab es dann ein Panel zum Thema “Sexarbeit beforschen” und da habe ich eine Idee davon bekommen, warum das so sein könnte. Dort wurde berichtet, dass nicht nur Sexarbeiter*innen selbst, sondern auch Personen, die über Sexarbeit forschen, stigmatisiert werden. Ein Doktorandin hat, nachdem sie ihre Arbeit abgeschlossen hat, zum Beispiel von ihrer Familie gehört: “wir sind so froh, dass Du jetzt aus diesem Feld draußen bist”, so als wäre sie selbst Sexarbeiterin gewesen. Und das hat sich als Tenor durch die ganze Konferenz gezogen: nicht nur wird Sexualforschung kaum finanziell gefördert, sie ist auch selbst mit einem ziemlichen Stigma verbunden. Die Leute scheinen sich zu fragen: warum forscht die darüber, ist sie vielleicht selbst Sexarbeiterin oder lesbisch oder pervers oder sexuell auffällig. Kurze Antwort darauf: es gibt Sexualforscher*innen, die selbst queer sind, BDSMler*innen sind, sicher auch manche, die selbst Erfahrungen mit Sexarbeit haben. Aber natürlich nicht alle. Und nicht immer liegt der Grund für ein Forschungsinteresse in der eigenen Biographie. Botanikerinnen sind schließlich auch keine Gräser, nicht einmal immer Gärtnerinnen. Und trotzdem liegt bei Sexualforscher*innen der Schluss offenbar besonders nah. Ein Kollege hat mir erzählt, dass er entgegen seiner früheren Gewohnheiten jetzt immer Krawatte trägt – um besonders seriös und möglichst wenig “sexuell” rüberzukommen.

Kein Wunder also, dass das Themenspektrum der Konferenz eher vorsichtig ausgefallen ist. Noch dazu waren wir ja in Polen, wo alles, was mit Sex außerhalb der Ehe zwischen Mann und Frau zu tun hat, nochmals problematischer ist. Trotzdem: ich würde hoffen, dass sich die Soziolog*innen, die sich mit Sexualität beschäftigen, irgendwann mal ein wenig mehr trauen (können). Und ich glaube diese Hoffnung ist nicht ganz unbegründet: beim österreichischen Soziologiekongress in Salzburg im Herbst, bei dem ich mit zwei Kollegen gemeinsam eine Doppelsession zum Thema Sexualität leiten darf, wird es zum Beispiel gleich zwei Vorträge zum Thema Pornographie geben. Ich freue mich schon drauf!

Wie ist das bei Euch? Fragt Ihr Euch, wie Sexualforscher*innen zu ihrem Forschungsinteresse gekommen sind? Haltet Ihr uns für besonders “sexuell” oder “pervers”?

PS: Was ich den ganz besonders Neugierigen unter Euch nun zum Schluss doch noch verraten mag: wir haben einen der Konferenztage zwar in einer wirklich netten Schwulenbar ausklingen lassen, besonders sexy oder auch nur “touchy” war die Stimmung aber nicht; etwas jünger, queerer und veganer als sonst, aber ansonsten eine ganz normale akademische Konferenz.

 

 

“The Artist and the Pervert” – vom Beschämtwerden und sich-nicht-beschämen-Lassen

Zur Zeit findet in Wien das 2. Porn Film Festival Vienna statt. Nach “What is porn?” im letzten Jahr, lautet das Thema dieses Jahr “What ist shame?”. Eröffnet wurde es mit dem Dokumentarfilm “The Artist and The Pervert” von Beatrice Behn und René Gebhardt, und kein anderer Film hätte besser  passen können. Erzählt wird darin von der Beziehung zwischen dem berühmten aus Österreich stammenden Komponisten Georg Friedrich Haas und seiner Frau Mollina Williams-Haas. Williams-Haas ist Autorin und Performerin, sie ist Afro-Amerikanerin und  – darf sie das denn? – die Sklavin ihres Mannes. Die beiden leben in einer BDSM-Beziehung: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

Filmstill The Artist and the Pervert

Der Film beobachtet das Ehepaar dabei, wie es arbeiten, wie es seine zweiten Flitterwochen verbringen – weil er in den ersten 15 Stunden am Tag komponiert hat -, wie Mollena Georg das Frühstück zubereitet, wie sie für ein gemeinsames Werk proben, wie sie Arm in Arm schlafen. Und er ist auch hautnah dabei, wenn Georg Mollina den Hintern versohlt und sie dabei unverkennbar lustvoll  (und nicht etwa vor Schmerz) stöhnt, was die Frage aufwirft, wer hier gerade wem dient.

Filmstill: The Artist and the Pervert

Trotzdem: eine schwarze Amerikanerin, die ihrem weißen Mann als Sklavin dient und sich dabei als frei beschriebt – das ist eine Provokation. Doch nicht nur das. Auch Musikwelt und Publikum haben sich offenbar provoziert gefühlt von der Offenheit, mit der die beiden die eigene Sexualität leben. Als die New York Times einen ganzseitigen Artikel über das ungewöhnliche Paar mit seinem aufsehenerregenden Privatleben brachte, kommentierten nicht nur besorgte Feminist*innen und wütende Antirassist*innen (die Mollena unter anderem schwarzen Selbsthass vorwarfen) sondern auch Musikliebhaber*innen, die sich nun offenbar in ihrem Genuss der Haas`schen Musik gestört fühlten – weil  sie dabei jetzt immer an SM und Bondage denken müssten. “The Artist and the Pervert” zeigt nicht nur eine Auswahl dieser Kommentare, er lässt auch einen Musikkritiker* zur Wort kommen, der vordergründig tolerant doch zum Ausdruck bringt, dass er sich gewünscht hätte, nicht mit diesem “Schweinekram” behelligt worden zu sein. Damit ist er so ein typisches Beispiel dafür, wie Beschämung von Menschen mit einer “devianten” Sexualität heute funktioniert, dass es sich lohnt, sich die Elemente seines Statements genauer anzusehen.

(1)  “Mich interessiert das eigentlich nicht”. In Bezug  auf Schwule  auch gerne gehört in der Variante: “Warum müssen die das immer so raushängen lassen, ihr Sexualleben immer so in den Vordergrund stellen” und “ist mir doch egal, was die im Bett machen.” Die Botschaft dahinter: “ich bin ein unglaublich toleranter Mensch, tut was ihr wollt, aber bitte sprecht nicht drüber”

(2) Der Kritiker sagt, dass er in einer konservativen Gesellschaft wie dem Iran vielleicht ein solches Outing unterstützt hätte, in einer “überaufgeschlossen” Gesellschaft wie der unseren sei das ja aber nicht nötig. Dieses Argument kommt gerne auch in der Variante  “aber Sex ist doch heute kein Tabu mehr, was machen dir Menschen nur so ein Riesending daraus” vor und  unterminiert die aufklärerischen Motive, die jemand damit verfolgen könnte, offen zu den eigenen sexuellen Wünschen und Praktiken zu stehen. Wenn es kein Tabu zu brechen gibt, wenn eh alles gut ist, warum sollte man darüber dann noch sprechen?

(3) “Ich weiß das lange bevor er es öffentlich gemacht hat”. Auch das habe ich schon häufig gehört und zwar in Form von: “Ich wusste schon, dass er schwul ist, als er es selbst noch nicht gewusst hat.” Meiner Meinung nach ein besonders perfide Form der Beschämung, da man sich über die Person erhebt und vorgibt, mehr über sie zu wissen, als sie selbst.

Interessant ist, was nicht gesagt wird: das ist krank, das ist abnormal, das ist pervers. Stattdessen kleidet sich die Ablehnung in Sorge. Zum Beispiel in Sorge um die Karriere der betreffenden Person. Oder kommt im Vorwurf daher, jemand wolle nur besonders aufsehenerregendes Selbstmarketing betreiebn. Und zeigt sich vor allem in der Forderung, das Private nicht öffentlich werden zu lassen. Und genau das ist meiner Meinung nach ein zentrales Merkmal von Beschämung: Warum bist Du denn nackt? Warum machst Du Deine Sexualität zum Thema? Das gehört sich doch in der Öffentlichkeit nicht!

Wie gehen nun Haas und Williams-Haas mit der Beschämung um? So wie es im Film erscheint: indem sie sich weigern, sich zu schämen. Indem sie sich offen zeigen und ihre Sexualität offen leben. Und indem sie betonen, vor allem Georg Friedrich Haas tut das, wie wichtig er es selbst gefunden hätten, in jüngeren Jahren ein Vorbild gehabt zu haben. Die Bestätigung, dass er damit anderen hilft bekommt er in Form von hunderten von Briefen. Drei davon hätten den Satz “you saved lifes” enthalten.

Filmstill Nr 10 aus The Artist and the Pervert

Aber nicht nur Mollena und Georg weigern sich, sich zu schämen. Auch die Macher*innen des Films haben sich offenbar der Scham verweigert. Sie haben sich nicht geschämt, ganz nah heran zu gehen und alles zu zeigen. Sie beschämen aber auch nicht, weder ihre Protagonist*innen, noch ihre Zuschauer*innen. Ich habe mich während des Films keine Sekunde lang fremdgeschämt – und normalerweise bin ich Meisterin im Fremdschämen. Wie sie das hinbekommen haben, in einer Welt, in der subtile und weniger subtile Beschämung von Sexualität an der Tagesordnung ist, ist mir ein Rätsel.

Der Film “The Artist and the Pervert” hatte im Rahmen des Porn Film Festival  Vienna seine Österreichpremiere und kommt Ende Mai in die österreichischen und deutschen Kinos.

* Der Name des Kritikers wird im Film genannt, ich habe mich aber entschieden, ihn hier nicht zu nennen, da es mir nicht um ihn als Person sondern um ein allgemeines Argumentationsmuster geht.

Can science save your sex life? – “Tell me what you want” von Justin Lehmiller

Kann Wissenschaft unseren Sex retten? In ganz optimistischen und wissenschaftsverliebten Momenten glaube ich das tatsächlich, in allen anderen hoffe ich es zumindest. Der amerikanische Psychologe, Sexualwissenschaftler und Autor Justin Lehmiller scheint es zu glauben. Er hat nach einigen wissenschaftlichen Fachartikeln, einigen populärwissenschaftlichen Artikeln und einem Lehrbuch nun auch einen Sexratgeber geschrieben, der sich meiner Meinung nach erfreulich von dem abhebt, was sonst so zu diesem Thema zu bekommen ist: “Tell me what you want”, 2018 erschienen bei Da Capo Press (leider bislang nur auf englisch).

Basis für dieses Buch ist ein große Onlineerhebung, in der der Autor die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach ihren sexuellen Phantasieren gefragt hat, – mit durchaus bemerkenswerten Ergebnissen. So scheinen etwa Anhänger*innen der Republikaner (die Konservativen also) besonders häufig vom Fremdgehen und von Gruppensex zu träumen, während bei den Anhänger*innen der Demokraten BDSM-Phantasien besonders verbreitet sind.  Allgemeiner Tenor: ungewöhnlich scheinende sexuelle Phantasien sind häufiger als man vielleicht denkt, niemand muss sich also dafür schämen, und sexuelle Beziehungen können davon profitieren wenn wir sie einander erzählen. Bei den Befragten handelt es sich natürlich um keine repräsentative Zufallsstichprobe, weshalb sich mir als Methodikerin die Frage stellt, welcher Bias (welche Verzerrungen) dadurch entstanden sein könnte, dass möglicherweise bestimmte Personen an der Studie teilgenommen haben und andere eher nicht. Da die Gruppe der Befragten aber ziemlich groß und auch ziemlich divers ist, ist das wohl eher ein vernachlässigbares Spezialproblem.

Inwiefern hilft es uns wirklich zu wissen was andere phantasieren und tun? Inwiefern kann Wissenschaft unseren Sex retten? Dieser Frage wendet sich Justin Lehmiller im Kapitel “Can science save your sex life?” zu. Aus seinen eigenen und anderen Forschungsergebnissen leitet er ab, dass Menschen dann die wenigsten sexuellen Probleme haben, wenn sie sich am wenigsten für ihre Phantasien und Neigungen schämen. Und dass das Reden über diese Phantasien die Beziehungsqualität und die Sexualität selbst verbessern. Auf Basis von korrelativen Erhebungen wie dieser lassen sich natürlich im Grunde keine Aussagen über Ursache und Wirkung machen, es wäre ebenso möglich, dass Menschen, die guten Sex haben, ihren Partner*innen eher ihre Phantasien erzählen und sich deswegen weniger dafür schämen. Hinreichend plausibel finde ich die Empfehlung, Phantasien zu akzeptieren und zu teilen, aber trotzdem. Also ja, das könnte so ein Beispiel dafür sein, dass wissenschaftliche Erkenntnisse wirklich Nutzen fürs tägliche (bzw.. nächtliche ;-)) Leben bringen.

Ich kann “Tell me what you want” also allen, die sich von ein wenig Englisch nicht abschrecken lassen, wirklich empfehlen. Mit diesem Fokus auf Empirie statt auf fragwürdigen Handlungsempfehlungen, die doch wieder nur den sexuellen Status quo zementieren, oder auf esoterischem Blabla, stellt dieses Buch aein erfreuliche Ausnahme im sonst oft eher fragwürdigen Sexratgebersegment dar. Was nicht heißt, dass ich alles uneingeschränkt gut finde, was drin steht. Als abtrünnige Psychologin und überzeugte Sozialwissenschaftlerin finde ich, dass es manchmal zu stark auf scheinbar universelle Gesetzmäßigkeiten (z.B. auf Unterschiede zwischen Männern und Frauen) fokussiert und sozialen Erklärungen für diese Unterschiede wenig Platz einräumt. Mir fehlt also dieses: das ist in meiner Studie so, aber es könnte auch ganz anders sein.  Aber das ist Justin Lehmüller nicht wirklich persönlich zum Vorwurf zu machen, das ist ein grundsätzliches Problem seiner (und meiner ursprünglichen) Disziplin. Ja und manchmal kommen die langen Nacherzählungen sexueller Phantasien aus den Fragebögen etwas “softpornoesk” rüber, aber das muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein.

“Tell me what you want” ist  bei Da Capo Press erschienen und dürfte sich als gebundenes Buch im 20-30 Euro-Segment bewegen (englischsprachige Bücher unterliegen nicht der Buchpreisbindung). Mir wurde vom Verlag dankenswerterweise ein elektronisches Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

 

 

Wie kann man seriöse sexpositive Angebote erkennen?

Zur Zeit bekomme ich in meine Timelines diverse Angebote für sexpositive Festivals, Workshops und Partys geschwemmt. Manche davon recht konkret und plausibel klingend (vom Massagekurs über den Fesselworkshop bis zur Poledanceparty), andere eher nebulös, esoterisch oder mit weltanschaulich-politischen Heilsversprechen werbend. Da ist von Revolution die Rede oder dem Ende der Einsamkeit oder wahrer Heilung durch die Entfaltung der ureigensten sexuellen Kräfte. Ich bin ja ziemlich Esoterik-avers und deshalb gruselt mich da eh schon, aber mein Unbehagen geht noch einen Schritt weiter: bei vielen Angeboten habe ich Sorge, dass diese Verquickung von sexuellen Inhalten, therapeutischen Heilungsverspechen und pseudoemanzipativem Befreiungsjargon (“befreie Deine gesellschaftlich tabuisierte Sexualität und Dich gleich mit”) sexuellem Missbrauch Tür und Tor öffnet bzw. zumindest das Risiko birgt, Erfahrungen zu machen, die man lieber nicht gemacht haben möchte.

Als ich meiner Irritation im sozialen Netzwerk Ausdruck gegeben hatte, hat mich ein Veranstalter solcher Festivals (der seriösen Sorte) kontaktiert und mich gebeten, mir sein Festivalprogramm daraufhin anzuschauen, ob ich irgendwo Bedenken hätte und sei es nur bezüglich des Wordings (was mich sehr gefreut hat), woraufhin ich mir überlegt habe, was für mich eigentlich ein seriöses Angebot ausmachen würde. Diese (teilweise natürlich subjektiven) Kriterien möchte ich mit Euch teilen- und sehr gerne auch diskutieren.

Aber zunächst einmal: was versteht man überhaupt unter “sexpositiv“? Mir ist das Wort zum ersten mal im Zusammenhang mit sexpositivem Feminismus begegnet, einer Form des Feminismus, der das positive Potential von Sexualität auch für Frauen sieht und Pornographie und Sexarbeit deswegen nicht grundsätzlich ablehnt. Für mich als Sexualforscherin heißt sexpositiv, dass ich mich in meiner Forschung nicht (nur) auf problematische Seiten von Sexualität beziehe (wie z.B. unerwünschte Schwangerschaften, sexuell übertragbare Krankheiten und Vergewaltigung) sondern mir anschaue, was Sex gut macht und ob und wie guter Sex glücklich macht. Ja und dann gibt es eben die sexpositiven Partys und sonstigen Veranstaltungen. Sexpositiv heißt dabei zunächst, dass Sex erlaubt ist, dass also Menschen Sex haben können, wenn sie es wollen.

Was ist aber da der Unterschied zu Swingerclubs oder dem Pornokino um die Ecke, in dem man auch Sex haben kann, das sich aber sicher nicht die Bezeichnung “sexpositiv” auf die Fahnen heften würde? Interessant finde ich die da die Definition von sexpositiv der International Society for Sexual Medicine, die neben der positiven Einstellung gegenüber Sex auch allgemeines und konkretes Wissen über die eigene und die Sexualität des/der Partner*in beinhaltet sowie die Bedeutung von Konsens betont. Und das wäre für mich schonmal ein erstes Qualitätsmerkmal sexpositiver Veranstaltungen, dass auf Konsens besonderen Wert gelegt wird (wobei ich damit nicht sagen will, dass das nicht auch ein Swingerclub ganz wunderbar hinbekommen kann – im Gegenteil)

Was wären also für mich Kriterien für eine seriöse sexpositive Veranstaltung?

  • Konsens: Es gibt nicht nur ein verbales Bekenntnis zu konsensuellem Sex und einem generellen konsensualen Umgang miteinander, sondern es wird auch explizit kommuniziert und ggf. vorgelebt, was darunter jeweils verstanden wird (zum Beispiel “bevor Du eine Person berührst, frage, ob das erwünscht ist”). In Kursen und Workshops beinhaltet das meiner Ansicht nach auch, dass es ohne schiefe Blicke oder Nachfragen möglich sein muss, bei Übungen auszusetzen oder auch mit bestimmten Personen ohne Angabe von Gründen nicht zu üben. Teilnehmer*innen sollten aufgefordert und idealerweise auch angeleitet werden, da eigene Grenzen zu spüren und diese auch zu wahren, sowie die Grenzen der anderen unbedingt zu achten. Das gilt auch und vor allem für Kursleiter*innen: diese sollten immer nachfragen, bevor sie zu Demonstrationszwecken Teilnehmer*innen berühren. Andersherum gesagt: Angebote, bei denen Kursteilnehmer*innen vor die Wahl gestellt werden “ihre Grenzen zu überwinden” oder den Kurs abzubrechen, halte ich für unseriös. Bei sexpositiven Partys beinhaltet das neben der Kommunikation von entsprechenden Regeln, dass deren Einhaltung auch beobachtet und ggf. sanktioniert wird.
  • Konsens ist immer dort eine besonders komplizierte Angelegenheit, wo es ein Machtungleichgewicht gibt. In einem Lehrer*innen- Schüler*innen- Verhältnis ist meist genau das der Fall. Deswegen halte ich Kurs- und Workshopleiter*innen, die in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den Workshops sexuelle und/oder romantische Beziehungen zu Teilnehmer*innen eingehen, für unprofessionell, vor allem dann, wenn der Kurs auch therapeutische Elemente enthält. Nicht umsonst ist es Therapeut*innen strengstens verboten, mit ihren Klient*innen sexuelle Beziehungen einzugehen. Veranstalter*innen sollten sensibel sein für entsprechende Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse und das den entsprechenden Kursleiter*innen klar kommunizieren. Im Zweifelsfall kann man einfach nachfragen, ob ein bestimmter Veranstalter/eine bestimmte Veranstalterin so einen Codex hat und wie er aussieht.
  • Transparenz: der Veranstalter/die Veranstalterin sollten klar kommunizieren, was Inhalt der jeweiligen Veranstaltung oder des jeweiligen Kurses sein wird und wie die Veranstaltung ablaufen wird. Verhaltensregeln sollten ebenfalls klar kommuniziert werden. Es sollte dargelegt werden, ob und inwiefern der Kurs therapeutische Anteile enthält, für welche Personen er geeignet ist und über welche Ausbildungen die Workshopleiterin verfügt.
  • Keine Heilsversprechen: Ich bin ja grundsätzlich schonmal sehr skeptische was Seminarangebote mit therapeutischem Inhalt betrifft (Therapie gehört meiner Ansicht nach in ein explizites therapeutisches Setting, nicht in ein Wochenendseminar), aber diesen persönlichen Vorbehalt mal beiseite gelassen: was ich für jedenfalls unseriös und sehr gefährlich halte: Versprechen, durch die Befreiung und Ausübung von Sexualität Heilung zu erfahren. Natürlich kann ein gutes sexuelles Erlebnis auch mal heilend sein, genauso wie eine andere positive Lebenserfahrung, ein gutes Gespräch mit Freund*innen etc., aber pauschal ausgesprochen halte ich das Versprechen, durch Sex geheilt werden zu können für in höchstem Maße problematisch. Hier besteht die große Gefahr, dass Menschen über ihre persönlichen Grenzen gehen, weil sie ja geheilt werden wollen. Und dass andere Menschen genau das ausnutzen. Noch problematischer finde ich, wenn es hierbei nicht nur um individuelle Heilung geht, sondern auch um gesellschaftliche Anliegen, wie die “Heilung der Beziehung zwischen Mann und Frau” oder die “Überwindung von Krieg oder Gewalt durch eine befreite Sexualität”. Werden solche Maximen verinnerlicht, dann wird es praktisch unmöglich, zu Sex nein zu sagen, gefährdet man doch ansonsten das große Versöhnungswerk.
  • Keine Geschlechteressentialismen: Das ist ein eher persönlicher Punkt, den ich hier trotzdem anführen möchte. Ich halte Angebote nicht für seriös, die von einem männlichen und einem weiblichen Prinzip ausgehen, heteronormativ sind (also schwulen und lesbischen Sex ausklammern) und behaupten, dass sich männliche Sexualität von weiblicher ganz grundlegend unterscheidet (und zwar aufgrund ihrer Natur, nicht aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse). Zwar haben Menschen mit einer Vulva und einer Vagina physiologisch anderen Sex als Menschen mit einem Penis, aber erstens sind nicht alle Männer Penisbesitzer und nicht alle Frauen Vulvabesitzerinnen und zweitens ist der Sex, den wir jetzt haben, eben auch von gesellschaftlichen Bedingungen beeinflusst und nicht zwangsläufig so, wie er gerade ist. Das als naturgegeben zu beschrieben, verfestigt diese Verhältnisse noch, anstatt Wandel zu ermöglichen und entbehrt wissenschaftlicher Fundierung.
  • Keine Verquickung von politischem Anspruch und kommerziellen Angeboten. Ich denke, dass eine positive Grundhaltung zu und eine Enttabuisierung von Sexualität durchaus ein legitimes Anliegen sein kann (das ich übrigens teile). Und ich bin auch der Auffassung, dass sich Anbieter*innen von solchen Veranstaltungen auch politisch diesbezüglich positionieren können (und vielleicht sogar sollten?). Es sollte aber nicht der Eindruck entstehen, man könne sich in eine bestimmten Rahmen politisch betätigen (z.B. in dem suggeriert wird, man könne Teil einer wie auch immer gearteten Revolution werden), wenn es sich tatsächlich um ein kommerzielles Angebot handelt, für das bezahlt werden muss. Insofern plädiere ich dafür, politische Arbeit und Workshop/Festivalangebote klar zu trennen. Ganz bedenklich wird es schließlich, wenn kommerzielle Angebote Sexualität und Spiritualität und Politik verbinden. Da dem Sektierertum Tür und Tor geöffnet.

Wie findet Ihr diese Kriterien?. Sind sie geeignet, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden? Sind sie zu streng? Oder zu wenig konkret oder gar zu wenig weitreichend? Ich würde mich über eine angeregte Diskussion in den Kommentaren sehr freuen!

Ich danke Reinhard Gaida für wichtige Inputs zu diesem Text!

 

 

Depression und Sexualität

Ich recherchiere gerade zum Thema (chronische) Krankheit und Sexualität und bin dabei auch auf das Thema Depression gestoßen. Und das scheint gerade im Zusammenhang mit anderen (chronischen) Krankheiten ganz schön kompliziert zu sein: chronische Krankheiten können zu sexuellen Problemen führen und diese dann wieder zu Depressionen. Depression kann aber auch eine direkte Folge der chronischen Erkrankung und der sonstigen mit ihr einhergehenden Einschränkungen sein. Und schließlich kann Depression selbst zu sexuellen Funktionsstörungen führen. Oder die Medikamente, die gegen Depressionen eingesetzt werden.

Sexuelle Funktionsstörungen können zum Beispiel Erektionsstörungen sein oder Erregungsstörungen oder Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu kommen. Und genau so etwas erleben Menschen, die Depressionen haben und Medikamente dagegen nehmen, sogenannte SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahme- Hemmer) , wohl häufiger. Nun weiß man ja: auch die Depression selbst kann zu sexuellen Beeinträchtigungen führen. Was davon ist also auf die Depression und was auf ihre Behandlung zurückzuführen?

Ich habe einen Artikel gefunden, der sich genau mit dieser Frage beschäftigt hat und dafür eine Gruppe von Frauen mit Depressionen, die diese Medikamente genommen haben, mit einer Gruppe von Frauen verglichen hat, die ebenfalls Depressionen derselben Stärke hatten aber keine Medikamente dagegen genommen haben. Dabei stellte sich heraus, dass in beiden Gruppen verschiedene sexuelle Einschränkungen wie zum Beispiel Erregungsstörungen oder Lustlosigkeit gleich häufig vorkamen. Mit einer Ausnahme: Orgasmusstörungen, also Schwierigkeiten, in einer bestimmten Zeit oder überhaupt zum Orgasmus zu kommen, waren in der Medikamentengruppe deutlich häufiger. Diese Art der sexuellen Störung stellt also wohl tatsächlich eine häufige Nebenwirkung der Medikamente dar.

Eine Depression ist eine fiese Sache mit einem teilweise extremen Leidensdruck, so dass viele Menschen diese Nebenwirkung sicher gerne in Kauf nehmen, wenn ihnen durch Antidepressiva geholfen werden kann. Es gibt aber auch Menschen, die diese Nebenwirkungen als so einschränkend und zusätzlich belastend wahrnehmen, dass sie diese Medikamente lieber nicht weiter nehmen wollen. Gut wäre, sie könnten das dann gemeinsam mit ihrer Ärztin/ihrem Arzt besprechen und Wirkungen und Nebenwirkungen gemeinsam gegeneinander abwägen. Leider passiert genau das – und das ist ein zweiter häufiger Befund zum Thema Depression und Sexualität – aber oft nicht: weil Ärztinnen und Ärzte das Thema Sexualität selbst nicht ansprechen und weil Patientinnen und Patienten sich nicht trauen oder es irgendwie nicht passend finden, es von sich aus zu thematisieren.

Eine Studie dazu, die mich ziemlich beeindruckt hat, hat Patientinnen und Patienten einer psychiatrischen Klinik befragt, welche Rolle Sexualität und sexuelle Einschränkungen für sie spielen. Dabei zeigte sich, dass selbst für Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen Sexualität noch immer wichtig ist und sie sich wünschen würden, dass das medizinische Personal das stärker berücksichtigt beziehungsweise auch thematisiert. Ich glaube da liegt noch ein weiter Weg vor uns, bis auch im Gesundheitssystem angekommen ist, das Sexualität nicht nur ein “nettes Extra” für junge gesunde Menschen ist, sondern häufig ein zentraler Aspekt der Lebensqualität von Menschen allen Alters und unterschiedlichen Gesundheitszustandes.

Was sind Eure Erfahrungen? Habt Ihr mit Euren Ärztinnen und Ärzten irgendwann mal über sexuelle Themen gesprochen? Wenn ja, wer hat das Thema angesprochen? Und habt Ihr bereits Erfahrungen gemacht mit Depression, Medikamenten und sexuellen Problemen? Ich freue mich über Kommentare!

Weg mit den Schamlippen…

…und zwar aus dem Sprachgebrauch! Wie verschiedene Medien, wie Zeit, TAZ und Deutschlandfunk berichtet haben, fordern die Kulturwissenschaftlerin Mithu M.Sanyal, Autorin des wunderbaren Buches “Vulva – eine Kulturgeschichte“, und die Journalistin Gunda Windmüller in einer Petition im Duden das Wort “Schamlippen” durch das Wort “Vulvalippen” zu ersetzen oder zumindest zu ergänzen. Schließlich gebe es nichts zu schämen “da unten”.

Die Dudenredaktion wird dieser Forderung höchstwahrscheinlich so schnell nicht nachkommen, verfolgt der Duden doch das Ziel, den aktuellen Sprachgebrauch abzubilden und nicht etwa sprachbildend zu wirken (auch wenn sicher anerkannt wird, dass nicht nur Wirklichkeit Sprache formt, sondern Sprache auch Wirklichkeit). Wahrscheinlich aber geht es den Initiatorinnen der Petition gar nicht in erster Linie um den Duden, sondern darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Worte wir da im Alltag verwenden, und was gute Alternativen sein könnten. Entsprechend fordern sie in ihrer Petition die Unterzeichnenden und Leserinnen und Leser dazu auf, das Wort Vulvalippen selbst häufig zu verwenden (auch zum Beispiel in sozialen Medien) und Ärztinnen, Pädagogen, Therapeutinnen zu bitten, es ebenfalls zu tun.

Ich finde es sehr sinnvoll, sich zu überlegen, warum Geschlechtsorgane – und hier vor allem die weiblichen –  (oder habt Ihr schonmal was von “Schameiern” oder dem “Schamschaft” gehört?) – in unserer Sprache mit Scham und schämen assoziiert sind, glaube aber ehrlich gesagt nicht wirklich, dass wir uns bei jeder Verwendung des Wortes Schamlippe wieder daran erinnern, dass wir uns da wohl zu schämen haben. Allerdings fände ich es aus einem anderen Grund ziemlich gut, wenn sich das Wort Vulvalippe im deutschen Sprachgebrauch einbürgerte: weil damit vielleicht endlich auch das Wort Vulva mehr Verbreitung fände. Hier habe ich darüber geschrieben, wie seltsam ich es finde, dass wir die sichtbaren weiblichen Geschlechtsorgane – eben die Vulva – mit einem Begriff – Vagina – beschrieben, der eigentlich den unsichtbaren Teil, die Hohlform, bezeichnet, so als sollte da bei der Frau lieber nichts sichtbar sein. Wenn wir Vulva zu sagen begännen, wenn wir die Vulva meinen und nicht Vagina, dann – glaube ich – würde sich damit durchaus etwas ändern in unsere Vorstellung über die Wirklichkeit “da unten” und damit so langsam auch die Wirklichkeit selbst.

Deshalb: Her mit den Vulvalippen!

 

Robert hat spannende Fragen gestellt

Robert, ein österreichischer Blogger der ersten Stunde, den ich noch aus anderen beruflichen Kontexten kenne, hat ein spannendes Interview mit mir geführt. Das ist schon gut, wenn man sich nicht immer nur selbst was fragt sondern auch mal jemand anderes. Auf mache der Fragen wäre ich selbst nie gekommen. Danke Robert! Einen Ausschnitt aus dem Interview nun hier, den Rest findet Ihr auf Roberts Blog.

Was sind für dich die interessantesten Erkenntnisse, die uns die Sexualforschung bietet?
Oh da gibt es vieles – und ich bin ja noch ganz am Anfang meiner Recherchen. Zuletzt beeindruckt hat mich etwa ein Artikel darüber, wie Frauen mit Gebärmutterkrebs und daraus resultierenden sexuellen Schwierigkeiten durch Achtsamkeitsübungen geholfen werden kann, wieder Erregung wahrzunehmen und dadurch auch wieder ein erfülltes Sexualleben zu haben (hier ein Interview dazu). Oder eine Studie über die sexuellen Phantasien der Amerikaner*innen, in der sich gezeigt hat, dass Republikaner*innen besonders häufig von Gruppensex und vom Fremdgehen träumen, während bei Demokrat*innen BDSM-Phantasien besonders verbreitet sind. Tabuisierte Dinge und Dinge, die wir nicht haben können, scheinen sexuell also besonders interessant zu sein.
Sehr wichtig finde ich auch Erkenntnisse, die helfen, bestimmte Neigungen und Verhaltensweisen zu enttabuisieren und vor allem zu entpathologisieren (=klarzustellen, dass es sich dabei nicht um krankhaftes Verhalten handelt). So hat sich in den letzten Jahren zum Beispiel herausgestellt, dass Pornographienutzung ziemlich sicher nicht zu Erektionsschwierigkeiten führt, dass Menschen, die BDSM mögen, nicht „gestörter“ sind als andere, und dass Pornodarstellerinnen nicht häufiger als andere Frauen in ihrer Kindheit sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren.

Sexualität ist mit vielen Emotionen versehen. Wie schafft man es den sachlichen Abstand zu halten um objektiv forschen zu können?

Ja stimmt, Sexualität hat viel mit Gefühlen zu tun, vor allem auch mit moralischen Gefühlen. Und natürlich haben Sexualforscher*innen selbst auch Gefühle und moralische Einstellungen den Themen gegenüber, das sie erforschen (ich würde denken, sie sind da etwas liberaler eingestellt, als andere Menschen, aber es gibt da auch andere Beispiele). Damit kann man (wie generell in den Sozialwissenschaften, wo ja auch sonst oft emotional aufgeladenen Themen untersucht werden) unterschiedlich umgehen. Zum einen kann man versuchen, durch möglichst objektive Instrumente und Befragungsformen (z.B. online- Fragebögen mit standardisierten Fragen) sicherzustellen, dass die Versuchspersonen möglichst wenig von den individuellen Werten und Annahmen der Forschenden beeinflusst werden. Das System der Peer-Reviews bei wissenschaftlichen Journals trägt zusätzlich dazu bei, dass möglichst nur Studienergebnisse veröffentlicht werden, die nachvollziehbar sind und mit möglichst objektiven Methoden erzielt wurden.

Die zweite, eher in qualitativen Forschungstraditionen beheimatete Strategie besteht darin, die eigenen Grundannahmen, Erfahrungen und auch moralischen Einstellungen bezüglich des Themas explizit zu machen, damit Leser*innen selbst entscheiden können, wie sie die beschriebenen Ergebnisse bewerten wollen.[ …] Ein wichtiges Merkmal wissenschaftlicher Integrität ist, dass man sich auch mit Ergebnisse auseinandersetzt, die einem selbst nicht in den Kram passen. Da kann man sich nur immer wieder selbst und gegenseitig erinnern.

Beobachtung verändert das beobachtete Objekt/Subjekt heißt es in anderen Wissenschaften? Ist das nicht gerade in der Sexualforschung ein Problem?

Wie oben schon erwähnt, wird in der Sexualforschung kaum noch beobachtet. Also zumindest nicht direkt wie Menschen miteinander Sex haben. Aber auch Fragebogenstudien oder Interviews können einen Einfluss auf die Menschen haben, die an der Studie teilnehmen, da unterscheiden sich die Sexualwissenschaften nicht von anderen Sozialwissenschaften. Zu einem Problem für die Forschung selbst wird es dann, wenn Menschen mehrfach befragt werden. So konnten bei einer Studie zum Thema „selbst diagnostizierte Pornosucht“ 40% der Befragten nicht für die Folgebefragung herangezogen werden, weil sie angegeben haben, inzwischen keine Pornos mehr zu schauen. Das könnte durchaus ein Effekt der ersten Befragung sein und man mag sich fragen, was sie sonst noch alles bei den Probanden geändert hat, was nun die Ergebnisse der zweiten Befragungswelle verfälschen könnte.

Wenn Beobachtung das beobachtete Subjekt verändert, dann kann das aber auch ein ethisches Problem sein. So kann man sich zum Beispiel fragen, ob es ethisch vertretbar ist, Jugendliche nach ihrem Pornokonsum zu fragen, oder ob man sie dadurch erst auf „blöde Ideen“ bringt. Eine ganz aktuelle Studie aus Kroatien hat aber erst vor kurzem gezeigt, dass Jugendliche, die nach ihrem Pornokonsum gefragt werden, anschließend nicht häufiger Pornos schauen.

Soweit mal an dieser Stelle. Das vollständige Interview könnt Ihr hier nachlesen.

Ist Porno-Konsum schädlich?

Ich habe für das Magazin Gschichterldruckerei einen Text über Pornographie geschrieben, als Antwort auf den dort erschienen Text „Onlinepornographie – Jugenddroge des 21. Jahrhunderts“. Diesen Text (für die ich natürlich bereits Kritik eingesteckt habe weil nicht feministisch), könnt ihr hier in voller Länge nachlesen. Dieser Blogbeitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Version des Artikels.

Durch die leichte Zugänglichkeit von Onlinepornografie kommen Jugendliche so früh wie wahrscheinlich nie zuvor mit Pornografie in Kontakt. Das kann einem schonmal Sorgen machen. Doch nicht jede Sorge ist in dem Ausmaß, in dem sie vorgetragen wird, gerechtfertigt. Ich werde mir im folgenden die Punkte anschauen, die der Autor des Artikels „Onlinepornographie – Jugenddroge des 21. Jahrhunderts“ formuliert hat.

1 Pornografiekonsum führt zu falschen, schädlichen Körperbildern – das ist nicht belegt und nur teilweise plausibel.
Hierzu gibt es keine eindeutigen Studien, da zu Pornokonsum keine Experimente durchgeführt werden können, schon gar nicht mit Jugendlichen. Meine persönliche Einschätzung (nicht durch Studien gestützt) wäre, dass, was das allgemeine Körperbild angeht, andere Medien wie zum Beispiel Instagram, Youtube, Werbung etc. den deutlich größeren Einfluss haben. Anders sieht es wahrscheinlich aus bei der Form der Genitalien und in Bezug auf Intimbehaarung. Fraglich ist hier, inwiefern Pornographie hier ursächlich wirksam ist und inwiefern sie lediglich gesellschaftliche Ideale reproduziert. In Bezug auf die Intimbehaarung gibt es die These (leider weiß ich nicht mehr, wo ich das zuerst gelesen habe), dass die Darstellerinnen in Pornos zunächst einfach deswegen rasiert waren, damit kein Haar den Blick verstellt, und dass sich das rasierte Geschlecht daraufhin allgemein zum Schönheitsideal entwickelt hat. Was die Form der weiblichen Geschlechtsorgane angeht sehe ich keinen „filmischen“ Grund, warum hier die Pornographie idealbildend gewirkt haben sollte. Eher greift sie gesellschaftliche Ideale aus und ja, verstärkt sie dadurch wahrscheinlich auch.

2 Pornographie ist frauenverachtend – in geringerem Ausmaß als oft angenommen
Zunächst vorneweg: nicht jede Darstellung in der Frauen (vermeintlich) etwas tun, was Männer wollen oder (vermeintlich) zu etwas gezwungen werden muss als frauenverachtend gedeutet werden. Bzw. natürlich kann man das so sehen. Man kann Pornographie aber auch als einen Spiegel sexueller Phantasien sehen und hier kann man festhalten, dass Phantasien die mit Zwang, Unterwerfung und vermeintlicher Gewalt zu tun haben zu den häufigsten überhaupt zählen, auch und gerade bei Frauen. Es ist also davon auszugehen, dass auch Frauen durchaus mit Lust Pornographie nutzen, in der Frauen von Männern dominiert werden.
Zum anderen sind solche Darstellungen aber längst nicht so häufig und allgegenwärtig, wie manche glauben. Und vor allem: entgegen der weitverbreiteten Annahme, dass Pornos in den letzten Jahren immer brutaler und frauenverachtender geworden seien, ist tatsächlich das Gegenteil der Fall. So hat ein Forscher*innenteam der McGill University herausgefunden, dass sich der Anteil von aggressiver non-konsensueller Pornografie unter den beliebtesten Filmen einer großen Pornoplattform zwischen 2008 und 2016 deutlich reduziert hat – von 13 % auf weniger als 3% (hier ein sehr guter Artikel über diese Studie). Videos, in denen Frauen deutlich Lust zeigten, gehören hingegen zu den beliebtesten. Dazu passen die Ergebnisse einer Studie, die zeigt, dass das Körperteil das Männer am längsten betrachten wenn sie Pornos schauen nicht etwa der Po oder der Busen einer Frau sind, sondern ihr Gesicht.

3 Pornoportale verfolgen unternehmerische Interessen – natürlich, aber das ist nicht per se problematisch.
Ja natürlich verfolgen Pornoportale unternehmerische Interessen – genauso wie Amazon, Etsy und Facebook, aber auch der Biosupermarkt um die Ecke, das Schuhgeschäft, der Fahrradladen. Das wäre erst dann wirklich problematisch, wenn sie das mit unlauteren Mitteln täten oder versuchten, auf Gesetzgebung und Forschung in diesem Bereich Einfluss zu nehmen. Eine solche Behauptung müsste aber erst einmal belegt werden.
Unternehmerische Interessen verfolgt übrigens auch die andere Seite: Therapeutinnen und Therapeuten, die mit „Entzugs“-therapien Geld verdienen, die vor allem in den USA boomenden Entzugskliniken und Entzugs(online)programme für vermeintlich Sex- oder Pornosüchtige und Vertreter von NoFap-Bewegungen, die mit ihren Vorträgen und Büchern ebenfalls gutes Geld verdienen. Vor kurzem musste erst eine wissenschaftlcihe Zeitschrift ein Korrekturverfahren einleiten, weil ein bekannter Vertreter der NoFap-Bewegung in einem umstrittenen Paper seine eigenen kommerziellen Interessen nicht kenntlich gemacht hatte. Überrascht hat mich bei meinen Recherchen zum Thema „Pornosucht“ übrigens, wie schnell ich da bei ultrareligiösen Gruppierungen und Personen lande, die gerne auch gleich mal Homosexualität und Masturbation wegtherapieren wollen. So wird in Zeitungsartikeln zum Beispiel beim Punkt Behandlungsmöglichkeiten auf das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft verwiesen – klingt harmlos, ist aber eine Organisation die sich unter anderem für “Forschungs- und Behandlungsfreiheit bei der Homosexualität” einsetzt, was konkret heißt, dass sie sog. Konversionstherapien durchführen, die aufgrund ihrer Schädlichkeit aus gutem Grund in vielen amerikanischen Bundesstaaten verboten sind – von den homophob diskriminierenden Implikationen ganz zu schweigen.

4 Die Pornoindustrie drängt unerfahrene Mädchen in Darstellerinnenjobs und fördert damit den Menschenhandel – das mag es geben, ist aber nicht die Regel.
Hierzu ist die Datenlage für mich noch unklar. Wenn es allerdings wirklich so wäre, dass Menschen diesen Beruf nicht aus freien Stücken wählen, dann müssten sie ziemlich unglücklich sein. Dann wäre auch der Anteil der Personen mit psychischen Störungen in dieser Personengruppe deutlich höher. Und dann wäre zu erwarten, dass unter ihnen deutlich mehr Personen mit Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sind (denn irgendwoher müsste ihre Bereitschaft ja kommen, diesen Job auszuüben). All dies ist jedoch nicht der Fall, wie eine Studie des amerikanischen Psychologen James D. Griffith zeigt.
Womit Darstellerinnen und Darsteller allerdings tatsächlich zu kämpfen haben, ist das Stigma, das mit ihrem Job nach wie vor verbunden ist, mit der Tatsache, dass ihnen unterstellt wird, sie könnten diesen Beruf nicht aus freien Stücken gewählt haben und es könnte dementsprechend etwas nicht mit ihnen stimmen.

5 Pornographie macht süchtig – nein, hierfür gibt es keine ausreichenden Belege
Hier kommen wir zur zentralen Behauptung des Artikels. Denn ja, wenn Pornographie ein ähnliches Suchtpotential hätte wie Heroin oder auch nur Nikotin, dann müssten Jugendliche tatsächlich davor geschützt werden. Tatsächlich ist „Pornosucht“ allerdings keine anerkannte psychische Störung wie etwa Alkoholsucht oder auch Spielsucht. Obwohl es einige Versuche verschiedener Interessensgruppen gab, sie dort zu verankern, findet sich Pornosucht in keinem der beiden großen Diagnosesysteme ICD und DSM. Zwar wurde in die neuste Auflage des ICD, ins ICD 11, eine Störung namens Compulsive Sexual Behavior Disorder aufgenomen, aber weder geht es hierbei speziell um Pornographie, noch bedeutet das, dass es sich um eine Sucht handelt, dass also Sex im allgemeinen oder Pornokonsum im besonderen als süchtig machend angesehen werden. Das gibt die Forschungslage nicht her. Wenn Pornographie süchtig machen würde, müssten Konsument*innen immer mehr und/oder immer extremere Inhalte konsumieren. Das ist jedoch nicht der Fall. Und wenn sich Menschen selbst für pornosüchtig halten, dann hat das mehr mit ihrer moralischen Einstellung gegenüber Pornographie zu tun als mit ihrem tatsächlichen Konsum (hier habe ich schon darüber geschrieben).
Auch die häufig erwähnte Studie der Neuropsychiaterin Valerie Voon in der gezeigt wurde, dass Pornographie bei intensiven Konsumenten dieselben Gehirnregionen aktiviert wie Heroin bei Heroinsüchtigen, ist kein ausreichender Beleg. Das ist lediglich ein Hinweis auf „spezifisch“ ausgebildete Belohnungszentren. Ich würde mal vermuten, dass meines besonders intensiv auf Schwarzwälder Kirschtorte reagiert. Trotzdem wird (hoffentlich) niemand auf die Idee kommen, mich deswegen für psychisch krank zu halten oder überhaupt Kirschtorten zu verbieten.

6 Pornosucht führt zu „statistisch bewiesener Zunahme an Vergewaltigungen, ehelich-häuslicher Gewalt, Trennungen und Job-Verlusten“ – nein, das ist so nicht richtig.
Zunächst einmal: eine „statistisch bewiesene“ Zunahme von Vergewaltigung, ehelicher Gewalt etc. gibt es nicht. Über längere Zeiträume betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, sogar gesunken. Wenn die Zahl bestimmter Delikte wie zum Beispiel von Vergewaltigungen oder sexuellen Belästigungen zwischendurch (sprunghaft) ansteigt, ist das häufig darauf zurückzuführen, dass sich die Gesetzgebung geändert hat. So ist beispielsweise in Deutschland Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 überhaupt strafbar.
Doch selbst wenn sich eine Zunahme beobachten ließe, hätte diese ziemlich sicher nichts mit einem vermehrten Pornografie-Konsum zur. So konnte Neil Malamuth in einem breit angelegten Review verschiedener Studien zeigen, dass der Konsum non-konsensueller Pornografie nur bei einer sehr kleinen Personengruppe das Risiko aggressiven Verhaltens erhöht: bei Männern, die aus anderen Gründen schon eine erhöhte Aggressionsneigung haben. Dies gilt überdies nur für Pornografie, in der nicht einvernehmlicher aggressiver Sex gezeigt wird und Kinderpornographie (die ja auch nicht einvernehmlich ist), die wie wir oben gesehen haben, sowieso nur von wenigen Menschen konsumiert wird. Nicht einmal auf die sexuelle Zufriedenheit scheint Pornografie-Konsum in der Regel negative Auswirkungen zu haben – nur bei streng religiösen Männern ist regelmäßiger Pornokonsum mit einer verminderten sexuellen Zufriedenheit assoziiert (hier ein guter Blogartikel dazu).

Ach und übrigens: Pornografie-Konsum führt nicht zu Impotenz, da sind sich Wissenschaftler*innen inzwischen einig.Generell denke ich, dass es nicht nötig (und wahrscheinlich auch gar nicht möglich) ist, Jugendliche von Pornografie fernzuhalten, dass aber eine gute Sexualaufklärung wichtig wäre, die ein alternative oder zumindest breitere Bilder von Sexualität und Körpern vermittelt.

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